Ökonomien des Imaginären

Andrea Bellu, Fokus Grupa, Benjamin Tiven, Marina Vishmidt & Anthony Iles

Ausstellungsansicht "Ökonomien des Imaginären", 2015, Foto: Daniel Jarosch / Künstlerhaus Büchsenhausen

Die Stipendiat_innen des Internationalen Fellowship-Programms für Kunst und Theorie 2015/16 geben Einblick in ihr Vorhaben der kommenden Monate. Die gezeigten Arbeiten stellen Formen der Imagination in kritischen Kunstpraktiken in den Mittelpunkt des Interesses. Sie veranschaulichen einerseits die visuellen Praktiken der Teilnehmer_innen und bilden andererseits eine Grundlage für die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Schwerpunkten der Fellows. Eine Woche nach der Eröffnung wird auch die audio-visuelle Dokumentation der Start Up Lectures in der Ausstellung zugänglich gemacht.

 

Ausstellungsdetails:

Ökonomien des Imaginären
Andrea Bellu, Fokus Grupa, Benjamin Tiven, Marina Vishmidt & Anthony Iles
kuratiert von Andrei Siclodi

Eröffnung (im Rahmen der Start up Lectures 2015/16): Fr 16. 10. 2015, 19.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 19.10. – 17.12.2015

Öffnungszeiten:
Di, Mi 14.00 – 17.00
Do 10.00 – 17.00
und nach Vereinbarung

Öffnungszeiten im Rahmen der Premierentage 2015:
Do 05. 11. 19.00 – 22.00
Fr 06. 11. 11.00 – 22.00
Sa 07. 11. 11.00 – 17.00

 

Beteiligte Künstler_innen und ihre Werke:

Andrea BELLU

Andrea Bellu entwickelt ihre künstlerischen Arbeiten installativ; sie schreibt, zeichnet, fotografiert und filmt. Ausgehend von post-kolonialen, migrantischen und feministischen Perspektiven, versucht sie vorherrschenden Narrationen der Geschichte weitere Risse und Brüche hinzuzufügen.

Daraus entstand ein intuitives, nicht abgeschlossenes Archiv, mit dem sich die Künstlerin während ihrer Fellowship in Büchsenhausen auseinandersetzen wird. Auf Reisen durch Schlesien, Galizien und der Bukowina hat Bellu 2014 begonnen, Material zusammenzutragen: Bilder, Gespräche, Landschaften, Sonnenuntergänge, Literatur. Die Reiseroute umschreibt einen geschichtlichen Kulturraum, in dem über Jahrhunderte unterschiedliche Minderheiten neben- und miteinander gelebt haben, ohne dass es je eine nationale Mehrheitsbevölkerung gegeben hätte. In vielen Dörfern und Städten machte die jüdische Bevölkerung die größte Minderheit aus. Diesem komplexen und vielschichtigen Zusammenleben wurde von der deutschen Besatzung und der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg ein grausames Ende gesetzt.
Andrea Bellu geht es in diesem Vorhaben vor allem darum, die viel erzählte und beschriebene gewaltvolle Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit der Gegenwart zu verknüpfen und ihre heutigen, tatsächlich stets spürbaren Auswirkungen und Kontinuitäten sichtbar zu machen.

Nachtflug – Nachrichten von Aurélia Steiner (2015)
6 Postkarten, beidseitig, 10x15cm, Schwarzweißfotografie, Text

Zitate aus:
Antoine de Saint-Exupéry, Night Flight /Nachtflug
Erich Bloch, Traces /Spuren
Christa Wolf, City of Angels or The Overcoat of Dr. Freud
Ingeborg Bachmann, Malina
Dawid Rubinowicz, Diary /Tagebuch
Hubert Fichte, The Square of the Hanged /Platz der Gehängten
Ilse Aichinger, Bad Words /Schlechte Wörter

The haunted memory released by one’s found family pictures finds its materiality in a contingent flow of narration and stories on sent and absent presences.

(Der ruhelosen Erinnerung, ausgelöst durch die eigenen, wiedergefundenen Familienbilder, wird in einem kontingenten Fluss von Erzählung und Geschichten über weitergegebene und abwesende Präsenzen konkrete Form gegeben. )

Die Arbeit entstand für das Buchprojekt The memory of it sometimes comes to you in the bright light of the beach, through the transparency of the rolling waves., herausgegeben von Emilie Bujès und Matei Bellu, Archive Books, 2015.
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Detailansicht zu Andrea Bellu: Nachtflug – Nachrichten von Aurélia Steiner, 2015

Benjamin TIVEN

Benjamin Tiven ist ein amerikanischer Filmemacher und Autor. In seiner Arbeit setzt er sich mit den politischen, technologischen und wirtschaftlichen Dimensionen öffentlicher Medien. Darüber hinaus befasst er sich mit der Ästhetik des Fernsehens, wenn diese auf das Kino angewandt wird, sowie mit der imaginierten Narration realer Ereignisse.
www.benjamintiven.com

A Third Version of the Imaginary (2012)
Video / HD / 1.78 / stereo / Farbe / 12:00”
Swahili mit englischen Untertiteln

Der Film A Third Version of the Imaginary spürt einer Begegnung mit dem Video- und Filmarchiv der Kenya Broadcasting Corporation (staatlicher Rundfunk in Kenia) in Nairobi nach. Wir folgen dem Archivar der Rundfunkanstalt durch mit Videokassetten dicht bepackten Regale: Er sucht nach einem spezifischen Set von Bildern und muss dafür die identifizierenden Schriftstücke einer Reihe von Bändern durchgehen. Während er sich methodisch durch die Stapel arbeitet, spricht eine Off-Stimme auf Swahili über die Ankunft der Videotechnologie in Kenia und ihre Auswirkungen auf die Archivierung von Fernsehbildern: Obwohl das Video die Produktion verbilligte, übten die Materialkosten dafür Druck auf die Archivierung aus. Später wandelt der Archivar einen kleinen Speicherraum im Untergeschoss in ein provisorisches Kino um und führt wieder entdecktes 16mm Filmmaterial vor. Der Begleitkommentar verändert sich entsprechend und wechselt inhaltlich vom Video zum Film und zum linguistischen Problem, das das Wort „Bild“ in Swahili darstellt. Als visuelle und narrative Echokammer befasst sich A Third Version of the Imaginary mit der Thematisierung des Films im Video. Die materiellen Fakten dieser Medien werden zu den ästhetischen Tatsachen des Films.
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Benjamin Tiven, Videostill aus A Third Version of the Imaginary, 2012 (c) Benjamin Tiven

FOKUS GRUPA

Fokus Grupa ist ein im kroatischen Rijeka beheimatetes Künstler_innenkollektiv, dessen Arbeiten die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bezugssysteme im Kunstbereich beleuchten. Die Gruppe befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis zwischen Kunst und ihren öffentlichen Manifestationen, im Hinblick auf Arbeitskultur, Ästhetik und soziale und wirtschaftliche Tauschwerte.
fokusgrupa.net

There Aren’t Words for What We Do or How We Feel so We Have to Make Them Up (2012)
Video / Full HD, Farbe, Ton, 14’47”
Kameraführung: Bojan Mrđenović, Ton: Boris Fischer, Filmschnitt: Hrvoslava Brkušić

Der Film There Aren’t Words for What We Do or How We Feel so We Have to Make Them Up erforscht die Bedeutung der Natur für den nationalistischen Diskurs und ist dabei sowohl politisch wie eskapistisch. Durch die kontemplative Erzählung und die Bilderwelt von Nationalparks erkundet der Film die Fragen der Darstellung und den Begriff des „nationalen Wesenskerns“.
Fokus Grupa konstruiert die narrative Ebene des Films mithilfe von Textbeispielen aus einer Reihe von Quellen – von der kroatischen Nationalhymne bis zu Naturdokumentationen und Touristenkampagnen. Durch verschiedene Topografien, von offenen Ebenen bis zu Berggipfeln, untersucht die Kamera Vorstellungen des Erhabenen, umreißt dessen (kritische) Beziehung zum Romantizismus, um schließlich einen Schwenk zurück zum Ausgangspunkt zu vollziehen, zum (kroatischen) Nationalismus der Gegenwart.

Perfect Lovers (2014)
verändertes Ready-Made, massenproduzierte Objekte
2 Wanduhren / variable Maße

Perfect Lovers ist die Aneignung der gleichnamigen Arbeit von Felix Gonzales-Torres: die Umgestaltung der Vorderseite zweier Uhren zu Kreisgrafiken. In Torres’ Arbeit laufen zwei gleiche Ready-Made-Uhren unvermeidlich mit der Zeit asynchron; sie veranschaulichen damit eine schmerzhaft einfache Allegorie der Liebe und Partnerschaft, um gleichzeitig scharf das vorherrschende heteronormative Paradigma zu kritisieren. Bei Fokus Grupa nähert sich die Arbeit der Frage der Zeit wie auch der Idee der Partnerschaft durch eine ökonomische Linse an. Hier ist „Zeit“ weniger eine Frage der Betrachtung sondern eher etwas, das gemessen, geteilt und instrumentalisiert wird. Bei dem Versuch, einen idealen Arbeitstag darzustellen, wie es ihn das Proletariat des 19. Jahrhunderts wünschte, also acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung, acht Stunden Schlaf, muss sich die erforderliche Zeit auf zwei Uhren erstrecken. „Perfekte Liebende“ erfüllen damit die Aufgaben eines effektiven Arbeiters. So dient ihre Vereinigung eigentlich dem Überleben, ist somit im Wesentlichen wirtschaftlicher Natur.
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Fokus Grupa: There Aren’t Words for What We Do or How We Feel so We Have to Make Them Up, 2012

Marina VISHMIDT & Anthony ILES

Marina Vishmidt lebt als Autorin in London und befasst sich in ihrer Praxis vornehmlich mit Fragen zu Kunst, Arbeit und der Wertform. Anthony Iles lebt in London und schreibt kritische und fiktionale Texte. Seit 2009 arbeiten Vishmidt und Iles zusammen an einer Serie von Essays, Postern und Präsentationen, durch die sie ihr gemeinsames Interesse an der Beziehung zwischen künstlerischen Praktiken und sozialer Krise erweitern, indem sie über die Rollen von Maschinen, Arbeit und Wert in der kapitalistischen Realität und der kommunistischen Philosophie reflektieren.

Ferment of Abolition (2015)
Seven Thousand Lean Years for Value (2015)
Petrified Unrest (2015)
3 Plakate, Farbe, Digitaldruck, A0

Als Auftakt ihres Arbeitsvorhabens in Büchsenhausen haben Anthony Iles und Marina Vishmidt gemeinsam mit den Designern Paul Abbott und Alessandra Kila drei Poster entwickelt, die sich grafisch annähern an „verarbeitete Werte“ aus ihren Arbeitsnotizen und Bildersammlungen: Ferment of Abolition („Gährmittel der Aufhebung“), Seven Thousand Lean Years for Value („Siebentausend magere Jahre für den Wert“) und Petrified Unrest („Versteinerte Unruhe“).

Andrea Bellu entwickelt ihre künstlerischen Arbeiten installativ; sie schreibt, zeichnet, fotografiert und filmt. Bellu arbeitet oft mit anderen Künstler_innen und Wissenschaftler_innen zusammen. Ausgehend von post-kolonialen, migrantischen und feministischen Perspektiven versucht sie vorherrschenden Narrationen der Geschichte weitere Risse und Brüche hinzuzufügen.

Benjamin Tiven ist ein amerikanischer Filmemacher und Autor. In jüngerer Zeit hat er u.a. im Institute of Contemporary Art in Philadelphia, in der Delfina Foundation (London), in der 1/9unosunove gallery in Rom sowie im Westfälischen Kunstverein (Münster) ausgestellt. Seine Filme wurden bei der Viennale in Wien, bei dem Filmfestival FIDMarseille, in Rotterdam, in Oberhausen und im Kino Arsenal in Berlin gezeigt. Neuere Publikationen sind u.a.: Scrim Sinews (Cura Books, 2015) und Beiträge zu den Magazinen Triple Canopy, Bidoun und Bulletins of the Serving Library.

www.benjamintiven.com

Fokus Grupa ist ein im kroatischen Rijeka beheimatetes Künstler_innenkollektiv, dessen Arbeiten die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bezugssysteme im Kunstbereich beleuchten. Ihre künstlerische Praxis ist kollaborativ und interdisziplinär und umfasst Kunst und Design ebenso wie kuratorische Arbeit. Fokus Grupa befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis zwischen Kunst und ihren öffentlichen Manifestationen, im Hinblick auf Arbeitskultur, Ästhetik und soziale und wirtschaftliche Tauschwerte. Arbeiten des Kollektivs wurden bereits in einer Reihe internationaler Museen und Ausstellungen gezeigt, u.a. in der Offbiennale Budapest; Visual Culture Research Centre, Kiew; A3bandas, Madrid; MACRO, Rom; MCA, Ljubljana, MCA, Zagreb, Magazzino del Sale Venice; Calvert 22, London; Tranzit, Bratislava; Kunsthalle Exnergasse, Wien; SKUC Gallery, Ljubljana; Miroslav Kraljević Gallery, Zagreb; Transmission Gallery, Glasgow.
http://fokusgrupa.net

Anthony Iles lebt in London und schreibt kritische und fiktionale Texte. Er ist Doktorand an der Middlesex University, Redaktionsmitglied des Mute / Metamute Magazins für Netzkultur, http://metamute.org, und Mitherausgeber einer in Kürze erscheinenden Publikation über den Zusammenhang zwischen Schreiben und Krise mit dem Titel Anguish Language (Archive Books), anguishlanguage.tumblr.com.

Marina Vishmidt lebt als Autorin in London und befasst sich in ihrer Praxis vornehmlich mit Fragen zu Kunst, Arbeit und der Wertform. Sie ist Autorin der Publikationen Speculation as a Mode of Production (Brill, Erscheinung geplant für Anfang 2016) und A for Autonomy (mit Kerstin Stakemeier) (Textem, 2015). Sie arbeitet regelmäßig mit Anthony Iles und Melanie Gilligan sowie mit Künstler_innen zusammen und schreibt Beiträge für Magazine wie Mute, Afterall, Texte zur Kunst und South Atlantic Quarterly. Vishmidt ist (Mit-)Herausgeberin von Textsammlungen und Kunstkatalogen, darunter in jüngster Zeit Anguish Language (Archive Books, erscheint in Kürze). Zudem ist sie Mitglied der Theoriefakultät am Dutch Art Institute, Gastlektorin an der Middlesex University und der University of Brighton sowie ehemalige Lektorin an der Universität der Künste in Berlin, am Central Saint Martins und am Goldsmiths College in London.

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at