Sammlung einiger Versuche zur Beschreibung der Wirklichkeit

Versuchsreihe 1: Das Verhältnis des Gegenwärtigen zu seinem Vergangenen

Andrea Bellu "Versuchsreihe 1: Das Verhältnis des Gegenwärtigen zu seinem Vergangenen", Videostill.

Auf Reisen durch den Osten hat Andrea Bellu gemeinsam mit Matei Bellu 2013 begonnen, Materialien zusammenzutragen: Beobachtungen alltäglicher Routinen sowie von Erinnerungspraktiken, die sich manchmal auf alte, jedoch vielmehr auf jüngere Ausformungen nationaler Identität und deren imaginierte Historien beziehen. Daraus entstand ein intuitives, nicht abgeschlossenes Archiv, mit dem sich die Künstlerin während ihrer Fellowship in Büchsenhausen auseinandersetzt.

Die Reiseroute umschreibt einen geschichtlichen Kulturraum, in dem über Jahrhunderte unterschiedliche Minderheiten neben- und miteinander gelebt haben, ohne dass es je eine nationale Mehrheitsbevölkerung gegeben hätte. In vielen Dörfern und Städten machte die jüdische Bevölkerung die größte Minderheit aus. Diesem komplexen und vielschichtigen Zusammenleben wurde von der deutschen Besatzung und der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg ein grausames Ende gesetzt.

Heute ist dieser kulturelle und geographische Raum von verschiedenen Grenzen und Interessensphären eingezäunt und eingeengt und von starken national-identitären Diskursen geprägt. Auch wenn die vorherrschenden nationalen und nationalistischen Narrative die historischen Tatsachen ablehnen, verschleiern und verschweigen, zeigen sich die Spuren dieser Geschichte in Landschaften, Städten und Orten durchaus materiell, gerade in ihrer Abwesenheit. Die Unnachgiebigkeit, mit welcher die neuen nationalen Erzählungen in die Region eingeschrieben werden, überdecken die Erinnerungsspuren, die auf keiner Landkarte zu finden sind – neue Namen für alte Plätze, neue Funktionen für alte Gebäude, neue Bevölkerungen für neue Staaten. Das präsente Nicht-Erinnern der heutigen Bewohner_innen dieser Häuser erzählt von einer unmerklich und unheimlich wiederkehrenden Gewalt und von ihrer sehr reellen Wirkung auf die Menschen.

Entlang ihrer bisherigen Praxis, in der sie mit Text, Video, Fotografie, objets trouvés arbeitet, geht es Andrea Bellu in diesem Vorhaben vor allem darum, die viel erzählte und beschriebene gewaltvolle Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit der Gegenwart zu verknüpfen und ihre heutigen, tatsächlich stets spürbaren Auswirkungen und Kontinuitäten sichtbar zu machen. Die Arbeit am Archiv ist jedoch auch eine Suche, die der Überzeugung folgt, dass das nicht realisierte Potential der Geschichte nicht mit der deutschen Gewalt endet, sondern andere utopische Potentiale freisetzen kann, die für die Gegenwart von Bedeutung sind.

Versuchsreihe 1: Das Verhältnis des Gegenwärtigen zu seinem Vergangenen fokussiert als installative Setzung den Blick auf Orte, die vergängliche Spuren der Geschichte offenbaren, manchmal offenkundig, manchmal an der Grenze des Nicht-Wahrnehmbaren.

Eine Veranstaltung in der Reihe Schlechte Wörter von Andrea Bellu.

Eröffnung: Fr 04. 03. 2016, 19 Uhr

Die Installation kann bis zum 20. Mai 2016 nach vorheriger Vereinbarung besichtigt werden.

Während der Biennale Innsbruck International (10. – 20. März 2016) ist die Installation täglich außer am 14. März von 10 – 19 Uhr für das Publikum zugänglich.

Andrea Bellu entwickelt ihre künstlerischen Arbeiten installativ; sie schreibt, zeichnet, fotografiert und filmt. Bellu arbeitet oft mit anderen Künstler_innen und Wissenschaftler_innen zusammen. Ausgehend von post-kolonialen, migrantischen und feministischen Perspektiven versucht sie vorherrschenden Narrationen der Geschichte weitere Risse und Brüche hinzuzufügen.

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at