Über die Naturen der Dinge

Zufälligkeit – Widerständigkeit – Unsichtbarkeit – Begehren

Marianna Christofides, Filmstill "Days In Between," 2015, 16mm digitally transferred with sound, 1,33:1, colour & black-and-white, 40'

Über die Naturen der Dinge.
Zufälligkeit – Widerständigkeit – Unsichtbarkeit – Begehren

Marianna Christofides · Belit Sağ · Julie Sas · Jan Sieber

 

Eine Ausstellung im Rahmen des Fellowship-Programms für Kunst & Theorie 2017/18
kuratiert von Andrei Siclodi

Eröffnung:
Fr 06. Oktober 2017, 19.00
Ausstellungsdauer:
10. Oktober 2017 – 25. Jänner 2018
Öffnungszeiten:
Di, Mi 14 – 17, Do 10 – 17 und nach Vereinbarung.
Geschlossen: 22. Dezember 2017 – 5. Jänner 2018 sowie an Feiertagen.

 

Die Ausstellung Über die Naturen der Dinge. Zufälligkeit – Widerständigkeit – Unsichtbarkeit – Begehren präsentiert Arbeiten der aktuellen Büchsenhausen-Fellows Marianna Christofides, Belit Sağ, Julie Sas und Jan Sieber, die im Zusammenhang mit den jeweiligen Arbeitsvorhaben in den kommenden Monaten stehen: es geht um Vernunftsverlust und Zensur als Signifikate unserer Zeit, um Strategien des Ausstiegs aus den Sichtbarkeitsregimen der Gegenwartsgesellschaften, sowie um Kunst und die libidinöse Ökonomie des Begehrens im Kapitalismus. Die drei Künstlerinnen Christofides, Sağ und Sas zeigen jeweils aktuelle Arbeiten. Die Präsentationen der Fellows im Rahmen der Start Up Lectures am 6. Oktober 2017 werden eine Woche nach der Eröffnung ebenfalls in der Ausstellung abrufbar sein, wodurch auch die Recherchen des Theoretikers Sieber zugänglich sein werden.

 

In ihren Filmessays und -installationen interessiert sich Marianna CHRISTOFIDES für das Nebeneinander geologischer und soziohistorischer Narrative sowie für den Gebrauch bzw. Missbrauch des Naturbegriffs als Rechtfertigung für kulturelle Kontingenz. Während ihres Fellowships in Büchsenhausen wird Christofides an einer „Anthologie der Augenblicke des Verschließens“ arbeiten und dabei den „herumirrenden“ Manifestationen der Unsicherheit nachspüren, angesichts der Tatsache, dass alles um uns herum sukzessive jeglicher Vernunft beraubt wird und langsam außer Kontrolle gerät.

Days In Between, 2015, essay film, 16mm transferred to HD, 40min, 1,33:1,
colour & black-and-white, stereo

Days in Between ist der zweite Film in der Reihe „Works and Days“, die in Südosteuropa entsteht. Der Film handelt von Verfall und spurlosem Verschwinden, unter anderem von Orten. Ein solcher Ort ist das Casino von Constanta an der rumänischen Schwarzmeerküste – ein ikonischer Bau der osteuropä-ischen Jugendstilarchitektur, der seit dem Sturz Ceauşescus geistergleich in dem maroden Badeort verfällt. Ein solcher Ort ist auch eine Halde aus Autoreifen, die sich irgendwo vor einer Kulisse karger Hügel und verstümmelter Ruinen auftürmt. Christofides arbeitet mit dem Wechsel von düsteren Schwarzweißaufnahmen und Farbbildern, die in schneller Frequenz aufeinanderfolgen und von stillartigen Einstellungen unterbrochen werden. Agrarlandschaften, Naturschutzgebiete, Industrie, der Alltag in dörflichen Strukturen, geologische Phänomene – über die „Textur der Landschaft“ sucht sie Zugang zur Geschichte der Region. Die natürlichen Beschaffenheiten reichert sie mit einer Reflektion über die stereotype Stigmatisierung durch westliche Politik an, die mit geologischen Begriffen und geografischen Charakteristika von der Natur vermeintlich vorgegebene Machtverhältnisse definiert: die „Periferie“ der westlichen Hemisphäre.

Dragon’s Back, 2016, 14 einfärbige Risografien, 7 zweifärbige Risografien |
207 × 222,5 cm

Dragon’s Back geht auf die Aufnahme des gleichnamigen geologischen Druckrückens der San Andreas Verwerfung, die sich rund 200km von Los Angeles entfernt befindet, zurück. Der „Drachenrücken“ ist die einzige eindeutig wahrnehmbare Spur dieser tektonischen Verwerfung, die die Grenze zwischen der nordamerikanischen und der pazifischen Kontinentalplatte markiert. Die Aufnahme ist die vergrößerte Reproduktion eines Pressefotos von 1982, das wiederholt als Symbolbild für die seismischen Gefahren, die von dieser Region ausgehen, verwendet wurde. Christofides hat diese Aufnahme auf 21 Risografien aufgeteilt und als eine Bild-Text-Kollage rekonfiguriert, die auf poetische Weise die Gewalt, die von dieser Tektonik ausgeht, in ein Bild der Verletzlichkeit transformiert.

 

Belit SAǦ erkundet in Büchsenhausen den Begriff der „Zensur“ als Gegenwartszustand. Ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung als Künstlerin mit Zensur in der Türkei möchte Sağ einige Künstlerinnen aus diesem Land, die ebenfalls persönlich Opfer von Zensur waren, nach Innsbruck zu einem produktiven Erfahrungsaustausch einladen. Das Projekt will erforschen, wie die individuelle und emotionale Erfahrung von Zensur mit anderen geteilt werden kann, welche künstlerische Taktiken als Antwort gegen repressive Regimes taugen, welche Subjektivitäten Zensur erzeugt und wie diese Subjektivierung durch Affekte verläuft.

Ayhan and me, 2016, digital video, 14:17min

Ayhan Carkin war ein türkischer Polizeioffizier, der in den 1990er Jahren in den kurdischen Gebieten operierte. Dort nahm er an geheimen Kommandos teil, die auf Anweisung des türkischen Staates Kurd_innen ermordeten. In den frühen 2000er Jahren ging Ayhan an die Öffentlichkeit und gestand seine Taten in türkischen Medien. Das ursprüngliche Konzept von Ayhan and me wurde in einem frühen Stadium von Akbank Sanat, einer Kunstinstitution in der Türkei, zensiert – in weiterer Folge wurde die Gruppenausstellung „Post Peace“, für die die Arbeit vorgesehen war, von der besagten Institution zur Gänze abgesagt. Das vorliegende Video entstand in Folge dieses Zensurfalles. Mit der Präzision eines Farocki-Essays erörtert die Arbeit explizit die eigene Produktions- und Zensurgeschichte, befragt die Macht der Bilder, die Rollen und Verantwortlichkeiten von Repräsentation und Geschichtsschreibung, sowie das aufgeladene Verhältnis zwischen Kunstpraxis und staatlicher Kontrolle.

 

In ihrer Praxis kombiniert Julie SAS Installationen, eigene Schriften, Performance und kollaborative Projekte. Sie stellt Räume und Situationen her, in deren Mittelpunkt das Spielen mit Bedeutungen, Normen und Identitäten steht, um eine Spannung zu bestimmten linguistischen und gesellschaftlichen Parametern zu verdeutlichen. In ihrem Arbeitsvorhaben in Büchsenhausen befasst sich Sas mit offenen Formen der Anonymität, der Unsichtbarkeit oder von Rückzügen, die verschiedene Strategien, Lebens- und Handlungsweisen sowie Artikulationsformen überlagern.

How to slip down under a table, 2015, video, color, sound, 6:11min, Loop

Das Video wurde ursprünglich als Teil der performativen Installation Basically, they wanted to do a revolution entwickelt. Basically, … folgt den Prinzipien und Konventionen eines literarischen Incipits. Als „Incipit“ bezeichnet man die ersten Worte eines literarischen oder fachwissenschaftlichen Textes. Diese stellen einen Erzählrahmen her, führen Figuren ein, die noch unbestimmt sind etc. Die Installation skizziert den Arbeitsplatz einer „Junggesellengesellschaft“ (hier spielt Sas bewusst mit dem Duchamp’schen Begriff), die dabei ist, eine Revolution vorzubereiten, die zum Scheitern verurteilt ist. Das Video folgt der Struktur einer Powerpoint-Präsentation, die die praktische Umsetzung der Taktik des Verschwindens unter einem Tisch Schritt für Schritt vorführt.

 

Jan SIEBER lebt als Philosoph und Kunstwissenschaftler in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte beinhalten Ästhetik, Psychoanalyse, Kritische Theorie, Kulturtheorie und französische Gegenwartsphilosophie. In seinem Arbeitsvorhaben für Büchsenhausen interessiert sich Sieber dafür, wie die libidinöse Ökonomie des Begehrens im Kapitalismus sowie Fragen der Subjektivität und Identität in der zeitgenössischen Kunst wiederkehren, reflektiert und kritisiert werden. Wie kann Kunst Subjektivierung inszenieren oder befördern, ohne die Produktion kapitalistischer Subjektivität einfach zu wiederholen oder ihr zuzuarbeiten? Wie kann sie als Kritik der kapitalistischen Ökonomie des Begehrens verstanden werden?

Jan Sieber ist in der Ausstellung ab 17. Oktober 2017 mit dem Video seiner Start Up Lecture vertreten, die gemeinsam mit den Präsentationen der anderen Fellows am 6. Oktober 2017 im Künstlerhaus Büchsenhausen stattfand.

 

 

Marianna CHRISTOFIDES ist eine Künstlerin, die aus Zypern stammt und in Berlin lebt. In ihren Filmessays und filmischen Installationen interessiert sie sich für das Nebeneinander geologischer und sozio-historischer Narrative sowie den Gebrauch bzw. Missbrauch des Naturbegriffs als Rechtfertigung für kulturelle Kontingenz. Seit 2009 weist Christofides eine international intensive Ausstellungstätigkeit auf; ihre Filme wurden auf vielen namhaften Filmfestivals in Europa gezeigt. Jüngste Einzelausstellungen: Parkfield Studies, Temporary Gallery, Köln (2017), Shelter Cove, Annaelle Gallery, Stockholm (2016), und Prennial Limbo, waterside contemporary, London (2016). Jüngste Ausstellungsbeteiligungen: Viaggio in Sicilia, Archäologisches Museum Salinas, Palermo (2017), Dejima. Concepts of In- and Exclusion, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen (2017), und Terra Mediterranea: In Action, Nicosia Municipal Arts Centre, Nicosia (2017), Uncertain States. Artistic strategies in States of Emergency / Uncertain States, und Künstlerisches Handeln in Ausnahmezuständen, Akademie der Künste Berlin (2016). Im Jahr 2011 vertrat Marianna Christofides (gemeinsam mit Elizabeth Hoak-Doering) Zypern auf der 54. Biennale in Venedig.
mariannachristofides.com

Belit SAǦ lebt als Videokünstlerin in Amsterdam. Sie studierte Mathematik in der Türkei, Kunst in den Niederlanden und hatte Residencies in New York (ISCP, 2016) und Amsterdam (Rijksakademie van Beeldende Kunsten, 2014/15). Ihre Video-Praxis entwickelte sich in alternativen, video-aktivistischen Künstler_innen-Gruppen in Ankara und Istanbul, wo sie Projekte wie VideA, Karahaber und bak.ma mitinitiierte. Sağs Arbeiten wurden in zahreichen internationalen Ausstellungen und Festivals präsentiert, unter anderem im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, auf dem Toronto International Film Festival, bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen, am EYE Film Institute und beim Internationalen Filmfestival in Rotterdam, in Salt, DEPO und dem Visual Arts Festival Damascus; auf dem DMZ International Documentary Film Festival in Südkorea, im Chinese European Art Center, China und auf dem Art Lacuna Film Festival, Großbritannien.
bit.contrast.org

Jan SIEBER studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Kunstwissenschaften an der Universität Bremen, der Leuphana Universität Lüneburg und an der Middlesex University London. Zwischen 2011 und 2017 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin tätig, wo er seine Doktorarbeit im Bereich der ästhetischen Theorie verfasste. Seine Forschungsschwerpunkte beinhalten Ästhetik, Psychoanalyse, Kritische Theorie, Kulturtheorie und französische Gegenwartsphilosophie.

Julie SAS lebt als Künstlerin in Paris. In ihrer Praxis kombiniert sie Installationen, eigene Schriften, Performance und kollaborative Projekte. Sie stellt Räume und Situationen her, in deren Mittelpunkt das Spielen mit Bedeutungen, Normen und Identitäten steht, um eine Spannung zu bestimmten linguistischen und gesellschaftlichen Parametern zu verdeutlichen. Sas‘ neuere Live-Installationen zeigen Körper, die sich an chiffrierten Situationen beteiligen, insbesondere an solchen, die mit der Produktion eines öffentlichen Diskurses, mit Formen der Selbstdarstellung und mit Zitat-Übungen verbunden sind. Diese Arbeiten haben zu einer langfristigen Recherche und zu Experimenten zur Praxis der Anonymität wie auch zu Formen von Unsichtbarkeit in Kunst, Literatur und Musik geführt.
juliesas.blogspot.com

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at