Andrea Bellu

Massengrab / Rohatyn (c) Andrea Bellu

Schlechte Wörter

Arbeitstitel; nach einer Erzählung von Ilse Aichinger

Auf Reisen durch den Osten hat Andrea Bellu 2014 und 2015 begonnen, Material zusammenzutragen: Bilder, Gespräche, Landschaften, Sonnenuntergänge, Literatur. Daraus entstand ein intuitives, nicht abgeschlossenes Archiv, mit dem sich die Künstlerin während ihrer Fellowship in Büchsenhausen auseinandersetzen wird.
Die Reiseroute umschreibt einen geschichtlichen Kulturraum, in dem über Jahrhunderte unterschiedliche Minderheiten neben- und miteinander gelebt haben, ohne dass es je eine nationale Mehrheitsbevölkerung gegeben hätte. In vielen Dörfern und Städten machte die jüdische Bevölkerung die größte Minderheit aus. Diesem komplexen und vielschichtigen Zusammenleben wurde von der deutschen Besatzung und der deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg ein grausames Ende gesetzt.
Heute ist dieser kulturelle und geographische Raum von verschiedenen Grenzen und Interessensphären eingezäunt und eingeengt und von starken national-identitären Diskursen geprägt. Auch wenn die vorherrschenden nationalen und nationalistischen Narrative die historischen Tatsachen ablehnen, verschleiern und verschweigen, zeigen sich die Spuren dieser Geschichte in Landschaften, Städten und Orte durchaus materiell, gerade in ihrer Abwesenheit. Die Unnachgiebigkeit, mit welcher die neuen nationalen Erzählungen in die Region eingeschrieben werden, überdecken die Erinnerungsspuren, die auf keiner Landkarte zu finden sind – neue Namen für alte Plätze, neue Funktionen für alte Gebäude, neue Bevölkerungen für neue Staaten. Das präsente Nicht-Erinnern der heutigen Bewohner_innen dieser Häuser erzählt von einer unmerklich und unheimlich wiederkehrenden Gewalt und von ihrer sehr reellen Wirkung auf die Menschen.
Entlang ihrer bisherigen Praxis, in der sie mit Text, Video, Fotografie, objets trouvés arbeitet, geht es Andrea Bellu in diesem Vorhaben vor allem darum, die viel erzählte und beschriebene gewaltvolle Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit der Gegenwart zu verknüpfen und ihre heutigen, tatsächlich stets spürbaren Auswirkungen und Kontinuitäten sichtbar zu machen. Die Arbeit am Archiv ist jedoch auch eine Suche, die der Überzeugung folgt, dass das nicht realisierte Potential der Geschichte nicht mit der deutschen Gewalt endet, sondern andere utopische Potentiale freisetzen kann, die für die Gegenwart von Bedeutung sind. In Büchsenhausen wird die Arbeit vor allem den Anfang einer Unternehmung markieren, deren Abschluss noch nicht absehbar ist.

Andrea Bellu entwickelt ihre künstlerischen Arbeiten installativ; sie schreibt, zeichnet, fotografiert und filmt. Bellu arbeitet oft mit anderen Künstler_innen und Wissenschaftler_innen zusammen. Ausgehend von post-kolonialen, migrantischen und feministischen Perspektiven versucht sie vorherrschenden Narrationen der Geschichte weitere Risse und Brüche hinzuzufügen.