Julie Sas

Julie Sas, Also Known as, a situation, Centre d'art contemporain Genève, 2016, ©Etienne Chosson

Silent Red Alert: Speculative Materials on Anonymity

Wie ist es möglich zu verschwinden, undurchsichtig zu sein, vom Körper entfremdet, unauthentisch, wie können wir „dem Gesicht entkommen“ und das Selbst, den eigenen Namen, die eigene Identität enteignen, wie uns nur durch Peripherien betreffen lassen, wie können wir in einem spekulativen Modus denken, leben und handeln, wie können wir fantasieren, uns selbst in eine konzeptuelle Figur verwandeln, wie still sprechen, wie sprechen und nichts sagen, wie aussteigen, wie verschwiegen sein, wie Un-Räume und horizontale Gesellschaften schaffen, wie ausstellen?

Wie ist es möglich, den Regimes der Sichtbarkeiten, die in unseren Gegenwartsgesellschaften so wichtig sind, zu entkommen? Wie würde eine potentielle, kritisch subtraktive Art des Denkens und Handelns in einer Welt aussehen, in der alles kumulativ und der Wertschöpfung unterworfen ist? Wie können wir die Ordnung der Selbstausstellung und der generalisierten Überwachung hinter uns lassen und anderswo, anders, existieren?

Dieses Vorhaben will einige Modi der Existenz und der Erscheinung analysieren, die sich durch die Fähigkeit auszeichnen, die Subjektivierungsprozesse zu problematisieren, die aus unserer Beziehung mit dem Apparat resultieren. 
Anonymität, Unsichtbarkeit, Verschwinden, Vermeiden, Geheimhalten oder Schweigen können als mögliche Ethiken und Positionen betrachtet werden, als Formen des Widerstands gegen ein zeitgenössisches Paradigma, das für sich in Anspruch nimmt, Sein und Erscheinen auf der einen, Wert und Sichtbarkeit auf der anderen Seite miteinander zu verschmelzen.

Indem es sich auf einen heterogenen Korpus aus Künstler_innen, Autor_innen, Musiker_innen, Aktivist_innen, Kollektiven oder gar fiktionalen Charakteren stützt – wie Der Mann ohne Eigenschaften (Robert Musil), Der Abend mit Herrn Teste (Paul Valery), The Residents, The Anonymous, Philippe Thomas, Lee Lozano, Michel Foucault, Le Comité Invisible, die Guerrilla Girls … – befasst sich dieses Vorhaben mit offenen Formen der Anonymität, der Unsichtbarkeit oder von Rückzügen, die verschiedene Strategien, Lebens- und Handlungsweisen sowie Artikulationsformen überlagern. Während sich Anonymität im Kontext dieser Studie also auf konkrete beziehungsweise symbolische Wirkungen des Verschwindens, der Unsichtbarkeit, des Vermeidens oder der Identitätsveränderung beziehen möchte, so meint sie genauso Sprachoperationen, die auf den radikalisierten Einsatz sprachlicher Daten verweisen und sich dabei mit unsichtbaren sozialen und politischen Praktiken befassen, die auf die Erfindung einer neuen Ethik, neuer Formen des Aktivismus und einer Neudefinition des Kollektiven abzielen. Einen weiteren Untersuchungsschwerpunkt bildet die Reflexion über das Format der Ausstellung im Kunstkontext, welches, wenn es in seiner gesamten Polysemie erfasst wird, gewisse theoretische und praktische Perspektiven für neue Modi der Sichtbarkeit und der Implementierung zeitgenössischer Kunst zu eröffnen scheint.

Diese Untersuchung will letztendlich eine Art „Theorie der Verdunklung“ ausarbeiten, die mit der Erstellung eines heterogenen Werkkorpus einhergeht: Dieser soll aus formalen und konzeptuellen Experimenten, aber auch aus einer selbst verfassten theoretisch-spekulativen Fiktion bestehen, die rund um anonyme Figuren und Stimmen artikuliert wird, deren Identitäten zwar schwer zu fassen, aber direkt von dieser Studie inspiriert sind.

(Text: Julie Sas)

Julie SAS lebt als Künstlerin in Paris. In ihrer Praxis kombiniert sie Installationen, eigene Schriften, Performance und kollaborative Projekte. Sie stellt Räume und Situationen her, in deren Mittelpunkt das Spielen mit Bedeutungen, Normen und Identitäten steht, um eine Spannung zu bestimmten linguistischen und gesellschaftlichen Parametern zu verdeutlichen. Sas‘ neuere Live-Installationen zeigen Körper, die sich an chiffrierten Situationen beteiligen, insbesondere an solchen, die mit der Produktion eines öffentlichen Diskurses, mit Formen der Selbstdarstellung und mit Zitat-Übungen verbunden sind. Diese Arbeiten haben zu einer langfristigen Recherche und zu Experimenten zur Praxis der Anonymität wie auch zu Formen von Unsichtbarkeit in Kunst, Literatur und Musik geführt.
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