Marina Vishmidt

Abolition du Travail Aliene, 1963, Guy Debord und J.V. Martin

Plastic Givens: Some Incidents Between Production and Abolition

Seit 2009 arbeiten Marina Vishmidt und Anthony Iles zusammen an einer Serie von Essays, Postern und Präsentationen, durch die sie ihr gemeinsames Interesse an der Beziehung zwischen künstlerischen Praktiken und sozialer Krise erweitern, indem sie über die Rollen von Maschinen, Arbeit und Wert in der kapitalistischen Realität und der kommunistischen Philosophie reflektieren. Die beiden Autor_innen fragen: Wie kann das Aufeinandertreffen von Kunst und Zerstörung dazu beitragen, der historischen Beschaffenheit von Negativität, Serendipität1 und Zufall besonders in der Kunst, aber auch allgemein in der kapitalistischen Kultur nachzuspüren?

Das Projekt versucht sich an einer Analyse von Formen der (Selbst-)Aufhebung, der Negation und der Unterordnung, wie sie in konkreten Beispielen der künstlerischen Produktion vorkommen, und will systemische Resonanzen mit der Entropie der kapitalistischen Gesellschaft im gegenwärtigen Augenblick entdecken. Neuere Tendenzen zeigen, dass Kunst durch ihre Einbindung des „Außen“ häufiger Bestätigung erfährt als Ablehnung, da sie auf effizientere Weise akkumuliert als der Krisenkapitalismus, den sie auf der Suche nach ihren Themen unermüdlich durchforscht. Gleichzeitig versuchen radikale Politiken, die Kunst in Ethik oder in praktischen Aktivitäten aufzulösen – ein Vorgang, der selbst eine konservative Geste darstellt, solange sich dadurch nichts anderes verändert. Kann uns die Ästhetik hier dabei helfen, das Sinnliche und Unbestimmte in der Bewegung der Negation offen zu halten? Indem Kunst dazu neigt, ihre Grenzen zu anderen Tätigkeiten in einer Gesellschaft aufzuheben, die von der spekulativen Wirtschaft umgestaltet wird, zeigt sie uns dadurch auch, dass gerade die Beziehung zwischen Spekulation und Subjektivität es dringend erforderlich macht, eine Politik zu umreißen, die das konstituierende „(Fehl)Maß“ aktualisiert, welches Kunst zu einem privilegierten Ort der Spekulation werden lässt.

Marina Vishmidt und Anthony Iles werden den diskursiven Kontext des Fellowship-Programms für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen nutzen, um ihre Arbeit für eine weitere Entwicklung und Diskussion zu öffnen. Die roten Fäden dieser Gespräche und der Schreibarbeit sollen in einer gemeinsamen Publikation zusammengeführt werden; gleichzeitig wollen die beiden Autor_innen ein Archiv des Arbeitsprozesses entwickeln und darin Beiträge von Gesprächspartner_innen, die an ihrem Arbeits- und Inszenierungsprozess in Büchsenhausen teilnehmen, inkludieren.

Marina Vishmidt lebt als Autorin in London und befasst sich in ihrer Praxis vornehmlich mit Fragen zu Kunst, Arbeit und der Wertform. Sie ist Autorin der Publikationen Speculation as a Mode of Production (Brill, Erscheinung geplant für Anfang 2016) und A for Autonomy (mit Kerstin Stakemeier) (Textem, 2015). Sie arbeitet regelmäßig mit Anthony Iles und Melanie Gilligan sowie mit Künstler_innen zusammen und schreibt Beiträge für Magazine wie Mute, Afterall, Texte zur Kunst und South Atlantic Quarterly. Vishmidt ist (Mit-)Herausgeberin von Textsammlungen und Kunstkatalogen, darunter in jüngster Zeit Anguish Language (Archive Books, erscheint in Kürze). Zudem ist sie Mitglied der Theoriefakultät am Dutch Art Institute, Gastlektorin an der Middlesex University und der University of Brighton sowie ehemalige Lektorin an der Universität der Künste in Berlin, am Central Saint Martins und am Goldsmiths College in London.