Fellowship-Programm für Kunst und Theorie 2017/18

 

Liebe Freund_innen des Künstlerhauses Büchsenhausen,

 

Anfang Oktober beginnt ein neues Fellowship-Jahr im Künstlerhaus Büchsenhausen. Das Fellowship-Programm für Kunst und Theorie stellt im Jahr 2017/18 Arbeitsvorhaben in den Mittelpunkt, die sich mit Vernunftsverlust und Zensur als Signifikate unserer Zeit, mit Strategien des Ausstiegs aus dem Sichtbarkeitsregime der Gegenwartsgesellschaften, sowie mit der libidinösen Ökonomie des Begehrens im Kapitalismus auseinandersetzen. Die Fellows Marianna Christofides, Belit Sağ, Julie Sas und Jan Sieber wurden nach einem zweistufigen Bewerbungsverfahren, an dem über 250 Künstler_innen und Theoretiker_innen teilnahmen, von einer Fachjury bestehend aus Dominique Hurth (Künstlerin, ehemaliges Büchsenhausen-Fellow), Gregor Neuerer (Künstler, Mitglied des Fachbeirats im Künstlerhaus Büchsenhausen) und Andrei Siclodi (Kurator, Leiter des Künstlerhauses Büchsenhausen) eingeladen, an ihren jeweiligen Vorhaben im Künstlerhaus Büchsenhausen zu arbeiten. Im Rahmen der Start Up Lectures 2017/18 am 6. Oktober 2017 sowie in der Ausstellung Die Naturen der Dinge. Zufälligkeit – Widerständigkeit – Unsichtbarkeit – Begehren, die zeitgleich mit den Start Up Lectures eröffnet, werden die Fellows ihre Arbeit und ihre Vorhaben für die kommenden Monate vorstellen. Hier eine kurze Vorschau:

 

In ihren Filmessays und -installationen interessiert sich Marianna Christofides für das Nebeneinander geologischer und sozio-historischer Narrative sowie für den Gebrauch bzw. Missbrauch des Naturbegriffs als Rechtfertigung für kulturelle Kontingenz. Während ihres Fellowships in Büchsenhausen wird Christofides an einer „Anthologie der Augenblicke des Verschließens“ arbeiten und dabei den „herumirrenden“ Manifestationen der Unsicherheit nachspüren, angesichts der Tatsache, dass alles um uns herum sukzessive jeglicher Vernunft beraubt wird und langsam außer Kontrolle gerät.

Belit Sağ wird den Begriff der „Zensur“ als Gegenwartszustand erkunden. Ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung als Künstlerin mit Zensur in der Türkei möchte Sağ einige Künstlerinnen aus diesem Land, die ebenfalls persönlich Opfer von Zensur waren, nach Innsbruck zu einem produktiven Erfahrungsaustausch einladen. Das Projekt will erforschen, wie die individuelle und emotionale Erfahrung von Zensur mit anderen geteilt werden kann, welche künstlerische Taktiken als Antwort gegen repressive Regimes taugen, welche Subjektivitäten Zensur erzeugt und wie diese Subjektivierung durch Affekte verläuft.

In ihrer Praxis kombiniert Julie Sas Installationen, eigene Schriften, Performance und kollaborative Projekte. Sie stellt Räume und Situationen her, in deren Mittelpunkt das Spielen mit Bedeutungen, Normen und Identitäten steht, um eine Spannung zu bestimmten linguistischen und gesellschaftlichen Parametern zu verdeutlichen. In ihrem Arbeitsvorhaben in Büchsenhausen befasst sich Sas mit offenen Formen der Anonymität, der Unsichtbarkeit oder von Rückzügen, die verschiedene Strategien, Lebens- und Handlungsweisen sowie Artikulationsformen überlagern.

Jan Sieber lebt als Philosoph und Kunstwissenschaftler in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte beinhalten Ästhetik, Psychoanalyse, Kritische Theorie, Kulturtheorie und französische Gegenwartsphilosophie. In seinem Arbeitsvorhaben für Büchsenhausen interessiert sich Sieber dafür, wie die libidinöse Ökonomie des Begehrens im Kapitalismus sowie Fragen der Subjektivität und Identität in der zeitgenössischen Kunst wiederkehren, reflektiert und kritisiert werden. Wie kann Kunst Subjektivierung inszenieren oder befördern, ohne die Produktion kapitalistischer Subjektivität einfach zu wiederholen oder ihr zuzuarbeiten? Wie kann sie als Kritik der kapitalistischen Ökonomie des Begehrens verstanden werden?

 

Die künstlerischen und theoretischen Recherchen sowie die Entwicklungs- und Produktionsprozesse werden wie jedes Jahr von einem abwechslungsreichen öffentlichen Veranstaltungsprogramm begleitet, das von den Fellows vorgeschlagen und in enger Kooperation mit ihnen durchgeführt wird. So wird am 11. November im Rahmen der Innsbrucker Premierentage in der Ausstellung Die Naturen der Dinge die Vorführung des Films Days in Between von Marianna Christofides und ein anschließendes Gespräch mit der Künstlerin stattfinden. Dem wird am 23. Januar 2018 ein weiterer Screening- und Gesprächsabend mit Christofides folgen. Als Follow-Up des Projekts Image Diplomacy von Vladislav Shapovalov (Fellow 2016/17) zeigen wir am 21. November 2017 dessen gleichnamigen Film, der in Kooperation mit der V-A-C Foundation Moskau produziert wurde. Dabei geht es um bestimmte historische Aspekte der Konstruktion des Politisch-Imaginären durch Ausstellungsstrategien und das Medium der Fotografie im 20. Jahrhundert: Einerseits um sowjetische Fotoausstellungen und Filme, die die sozialistische Moderne repräsentieren und ein positives wie kontrolliertes Bild der UdSSR und des Lebens in der Sowjetunion während des Kalten Krieges vermitteln sollten, andererseits um Edward Steichens Fotoausstellung The Family of Man, die von den USA nach 1955 ebenfalls politisch instrumentalisiert, 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben wurde und heute in Luxemburg als Permanentausstellung besichtigt werden kann.

Weitere Veranstaltungen der Fellows sind in Vorbereitung und werden ab März 2018 umgesetzt.

 

Im Rahmen des Fellowship-Programms geht das Künstlerhaus Büchsenhausen punktuell auch Kooperationen mit anderen Institutionen in der Region ein. Im kommenden Jahr hält am 30. Jänner die Kulturtheoretikerin und Künstlerin Belinda Kazeem-Kaminski in Kooperation mit dem Arbeitskreis Globales Lernen von Südwind Tirol einen Vortrag über ihr 2016 mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnetes Projekt Benennen, was einst nicht benennbar war. Das fotografische Rechercheprojekt beabsichtigt, Kindheitserinnerungen von im deutschsprachigen Raum aufgewachsenen „women of color“ auf ihr Verwobensein mit Ausgrenzungserfahrungen hin zu untersuchen und dieses Wissen sichtbar zu machen.

Nach der erfolgreichen Kooperation mit dem Tiroler Volkskunstmuseum im Rahmen des Ausstellungsprojekts Eine unbequeme Wissenschaft von Gareth Kennedy im Jahr 2015/16 setzt das Künstlerhaus Büchsenhausen 2017/18 erneut ein Kooperationsfellowship um. Gemeinsam mit ar/ge kunst Bozen hat das Künstlerhaus die Architektin und Designerin Matilde Cassani eingeladen, ein Projekt über den Grenz-Kulturraum am Brenner zu entwickeln. Im Wesentlichen geht es um die Erforschung des kulturellen Raumes, der sich entlang der Grenze zwischen Nord- und Südtirol im Laufe der letzten Jahrzehnte auf der jeweiligen Seite entwickelt hat. Das Projekt zielt auf ein besseres Verständnis der jeweiligen Lebensgegebenheiten jenseits konsumistischer (Stichwort: Outlet-Center) und grenzmilitaristischer (Stichwort: Migrationsströme) Paradigmen. Reflektiert wird damit auch der Begriff der „Grenze“ an sich beziehungsweise die Frage, wie eine „Grenze“ zur Arbeitsmethode werden kann.

Weitere, aktuelle Details zu Inhalten und Terminen finden sich in den kommenden Monaten hier auf dieser Website. Wir wünschen Ihnen spannende und aufschlußreiche Erfahrungen mit dem Fellowship-Programm des Künstlerhauses Büchsenhausen!

 

Mit besten Grüßen
Andrei Siclodi
Programmleiter