Reading Militarized Masculinities

Anna DASOVIĆ

Anna Dasović, "Before the Fall there was no Fall. Thinking and acting between preenactment and reenactment", Filmstill.

Fellow Anna DASOVIĆ ladet zur Teilnahme an der kritischen Lektüre eines Auszugs aus dem Videomaterial, das die Grundlage der Arbeit von Anna Dasović im Künstlerhaus Büchsenhausen darstellt. Im Mittelpunkt dieses Projekts steht die Frage, wie europäische Geschichten des Kolonialismus sowohl westeuropäische, militarisierte Maskulinitäten produziert wie auch die Beziehung des Kontinents zum (ethnisch) „Anderen“ und dessen Ästhetik geprägt haben.

Before the Fall there was no Fall ist somit ein Langzeitprojekt, das sich um rund hundert VHS-Kassetten dreht, die Übungen des niederländischen Militärs während des Jugoslawienkrieges zur Vorbereitung der Friedensmissionen in den UN-Sicherheitszonen von Srebrenica, Bihać und in der Gemeinde von Sapna (1994–1995) dokumentieren. Die Übungen, die in den NATO-Camps in Deutschland und Belgien inszeniert wurden, schufen einen ideologischen Rahmen, der den Soldaten dazu verhelfen sollte, ihre Beziehungen sowohl mit den Menschen innerhalb der Sicherheitszonen wie auch mit denjenigen, die sie zu überrollen drohten, zu reflektieren. Das niederländische Militär setzte zu diesem Zweck ehemals in Bosnien und Herzegowina stationierte Soldaten ein. Diese zu Schauspielern gewandelten Soldaten sollten Szenarien aus einem vorgegebenen Drehbuch proben („pre-enact“), während sie gleichzeitig ihre Wahrnehmungen der Menschen, denen sie in Bosnien und Herzegowina begegnet waren, nachzustellen und/oder zu reinszenieren hatten („re-enact“).

Anna Dasović wird diese Verfahrensweise diskutieren und folgende Fragen adressieren: Wie offenbaren scheinbar unschuldige Gesten, was die Historikerin Fatima El-Tayeb Verletzungen des „mächtigen Narrativs von Europa als farbblindem Kontinent“ nennt, „der weitgehend von der verheerenden Ideologie unberührt blieb, die er in die ganze Welt exportierte?“ Welche Formen einer durch den Kolonialismus verursachten Identifikation können wir aus diesen aufgenommenen Inszenierungen herauslesen?

Die Veranstaltung findet im Kontext der künstlerischen Investigation Before the Fall there was no Fall. Thinking and acting between Preenactment and Reenactment von Anna DASOVIĆ und in englischer Sprache statt.

Anna DASOVIĆs künstlerische Praxis konzentriert sich auf rhetorische Strukturen, die völkermörderische Gewalt sichtbar machen, die aber auch eingesetzt werden, um politisch unangenehme Aspekte solcher Konflikte zu verdecken. Sie fragt: An welchen ideologischen Narrativen nehmen Gewaltdarstellungen auf struktureller Ebene teil? Welche Formen von Trauma können solche Dokumente, die entweder im legislativen Bereich angesiedelt oder für das Archiv (hier im doppleten Sinn eines physischen Ortes aber auch als Metapher für kollektive Erniedrigung und Reue) konstitutiv sind, nicht bewältigen? Dasović hat Fotografie studiert, ihre Installationen und Videos weisen eine dementsprechende formale Präzision auf – heute arbeitet sie jedoch weitgehend interdisziplinär. Ihre Methodik schließt dabei Archiv- und Feldforschung, Interviews sowie bibliographische Recherche ein.

2017-2018 war Dasović Resident Artist an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Sie ist Mitglied der Collection Collective, Template for a Future Model of Representation, einer Gruppe, die die gegenwärtige Krise der sammlungsbasierten Institutionen der zeitgenössischen Kunst untersucht und Potenziale in einem Modell der (Kunst-)Sammlung identifiziert, das gleichzeitig von Künstler_innen und anderen Kulturschaffenden zusammengestellt, besessen und betrieben wird. Ihre Arbeiten wurden an international bedeutenden Institutionen gezeigt, darunter in der Bergen Assembly, im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, im Stedelijk Museum Bureau Amsterdam (SMBA), im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMA) Algier, im Van Abbemuseum in Eindhoven, im Museum für jugoslawische Geschichte in Belgrad und im Niederländischen Photomuseum in Rotterdam. Zuvor war sie unter anderem Artist in Residence bei MAMA Algiers, Celeia Zentrum für zeitgenössische Kunst Celje Slowenien, Casa Tres Patios in Medellín und Residencia en La Tierra in Montenegro Kolumbien.

www.annadasovic.com

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at