Start Up Lectures 2021-22

Präsentationen der neuen Fellows 2021-22

Im Uhrzeigersinn von oben links: (1) Überblick über den Arbeitstisch von Chiara Vigo, der einzigen noch lebenden Bewahrerin der Tradition der Seidenherstellung (Bisso), in ihrem Atelier im Museo del Bisso in Sant'Antioco, Sardinien. Foto: Rosalyn D'Mello. | (2) Suzana Milevska, Contentious Objects/Ashamed Subjects, 18.01. - 06.02.2019. Blick in die Ausstellung TRACES – Transmitting Contentious Cultural Heritages with the Arts: From Intervention to Co-Production, Horizon 2020. Galleria del Progetto, Politecnico di Milano, Milan. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Politecnico di Milano. | (3) Selbstporträt vor dem körperlich veränderten St. Wilgefortis-Schrein, Tirol, Österreich (August 2019). Foto: Sam Richardson. | (4) Vapniarka, Zeichnung von Gabriel Cohen. Mit freundlicher Genehmigung von Ella Cohen und The Future of Memory.

Nach einer bewegten ersten Jahreshälfte und einem verkürzten Fellowship-Jahrgang 2020-21, der trotz der von der Pandemie verursachten Widrigkeiten mit allesamt neuen, vor Ort entstandenen Produktionen erfolgreich zu Ende ging, starten wir im Oktober in ein neues Fellowship-Jahr, das hoffentlich weniger unter Ausnahmezustand-ähnlichen Bedingungen über die Bühne gehen wird.

Die Fellows Rosalyn D’MELLO, Suzana MILEVSKA, Sam RICHARDSON und Olga ŞTEFAN werden sich, ihre Arbeit und ihre Vorhaben im Rahmen der Start Up Lectures 2021-22 am Freitag, dem 15. Oktober in Büchsenhausen vorstellen. Bitte beachten Sie, dass für den Besuch der Veranstaltung ein gültiger 3G-Nachweis erforderlich ist.

Die Büchsenhausen-Fellows 2021-22 verbinden in ihren jeweiligen Arbeitsvorhaben feminstisch-queere Sicht- und Verfahrensweisen mit Vergangenheitsbewältigungsfragen, um ein besseres und tieferes Verständnis unserer Gegenwart zu entwickeln. In ihrer spekulativen künstlerischen Investigation fokussiert Rosalyn D‘MELLO die Aufmerksamkeit auf die „Kunst“ sogenannter Hausfrauen, Mystikerinnen und „alten Jungfern“ und stellt eine Verbindung zu der Arbeit zeitgenössischer feministischer Künstlerinnen her, die kunstgeschichtlich lange ebenso als Außenseiterinnen galten und deren Leistungen erst spät in ihrer Karriere anerkannt wurden. Sam RICHARDSON beschäftigt sich mit der Figur der Heiligen Wilgefortis – bekannt auch als St. Kümmernis – einer „bärtigen Gekreuzigten“, die historisch als Schutzpatronin für die Befreiung von Sorgen galt – insbesondere für Frauen, die sich von gewalttätigen Ehemännern oder Situationen im häuslichen Umfeld befreien wollten, sowie von Überlebenden sexueller Übergriffe, Vergewaltigungen und Inzest. Suzana MILEVSKAs Rechercheprojekt Ethical and Aesthetical Protocols of Apology konzentriert sich auf die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Entschuldigungs- und Umbenennungsprotokolle in Form von performativen künstlerischen Strategien, die sozialen Wandel und Versöhnung anstreben. Die Theoretikerin möchte sich mit verschiedenen Beispielen individueller, gesellschaftlicher, aktivistischer und künstlerischer Strategien befassen, wie etwa mit öffentlichen Entschuldigungen von Amtsträger:innen oder Privatpersonen, dem Ersetzen oder Umbenennen von Denkmälern, Straßen, generell öffentlichen Räumen sowie Feiertagen. Olga ŞTEFAN schließlich arbeitet an einem Essayfilm, der den Versuch der Kuratorin und Autorin dokumentieren soll, eine Kunstausstellung zu rekonstruieren, die kurz nach der Befreiung Rumäniens vom faschistischen Antonescu-Regime stattfand. 1945 zeigte diese Ausstellung das Leben und Sterben in rumänischen Konzentrationslagern und stellte verschiedene Formen antifaschistischen Widerstands dar, der von den jüdischen Gefangenen geleistet worden war. Der Film möchte nicht nur das Werk der Künstler:innen zum ersten Mal seit 77 Jahren ans Licht bringen, sondern auch dazu auffordern, über Erinnerungspolitik, historische Wendungen und die Rolle der Kunst in der Politik nachzudenken.

Die Teilnehmer:innen am Fellowship-Programm 2021-22 wurden aus über 130 Bewerbungen von der Jury bestehend aus Christoph Hinterhuber (Künstler und Mitglied des Fachbeirats), Lisa Mazza (Kuratorin und Mitglied des Fachbeirats) und Andrei Siclodi (Leiter des Künstlerhauses) eingeladen, in Büchsenhausen zu arbeiten.

 

Fellows 2021-22

Rosalyn D’MELLO
In the Name of the Mother

Suzana MILEVSKA
Ethical and Aesthetical Protocols of Apology

Sam RICHARDSON
A Saintly Curse Continued: The Legacy of What is Seen and Unseen

Olga ŞTEFAN
The Concentration Camp Exhibition

 

Rosalyn D‘Mello wuchs als „Bombay Goan“ in Mumbai auf. Sie schloss ihr Studium der Englischen Literatur am St. Xavier’s College, Mumbai, ab und erhielt ihren Master-Abschluss am Centre of English Studies, Jawaharlal Nehru University, Delhi. Nach einer kurzen Tätigkeit als Theaterkritikerin in Mumbai, lebte sie ab 2010 für fast zehn Jahre in Delhi, bevor sie nach Tramin, einer Alpenstadt in der autonomen Provinz Südtirol in Italien, zog. In ihrer zehnährigen freiberuflichen Karriere hat sie als feministische Autorin, Kunstkritikerin, Kolumnistin, Essayistin, Redakteurin, Forscherin, Beraterin und Lektorin in verschiedenen Branchen gearbeitet.
Derzeit ist D‘Mello eine TBA21 Ocean Fellowship 2021 Mentorin. Sie ist die Autorin der von der Kritik gefeierten Memoiren A Handbook for my Lover. Sie ist außerdem Empfängerin eines Forschungsstipendiums der India Foundation for the Arts (2019-2020), das ihre laufenden Recherchen für ihr bei Oxford University Press, Indien, erscheinendes Buch unterstützt, das auf ihren Besuchen in indischen Künstlerateliers basiert. Seit Januar 2016 schreibt sie eine wöchentliche feministische Kolumne für mid-day, die auf ihren Memoiren basiert. Sie schreibt vierzehntägig Kunstkolumnen für STIR, und ihre Kritiken erscheinen häufig in der indischen Wochenzeitschrift Open. Ihre Texte sind in zahlreichen literarischen Anthologien erschienen, darunter Dress (HarperCollins India, 2018), Walking towards Ourselves: Indian Women Tell their Stories (HarperCollins India, 2016; Hardie Grant Australia, 2016) und Sammlungen von Kunstrezensionen, darunter Critical Writing Ensembles: Dhaka Art Summit 2016 (Office for Contemporary Art, Norwegen; Mousse Publishing, 2016) und Navigating the Planetary (Verlag für moderne Kunst, 2020). Zuvor war sie Herausgeberin von BLOUINARTINFO India (2012-2014) und wurde 2014 für den Forbes‘ Best Emerging Art Writer Award nominiert. Außerdem stand sie auf der Shortlist für den Prudential Eye Art Award for Best Writing on Asian Contemporary Art im Jahr 2014. Sie war Gutachterin für das Andy Warhol Foundation Art Writers Grant im Jahr 2020.
https://www.rosalyndmello.com/

Suzana Milevska ist Kuratorin und Theoretikerin für Kunst und visuelle Kultur und lebt in Skopje, Nordmazedonien. Ihre theoretischen Forschungsprojekte befassen sich mit postkolonialer und feministischer Institutionskritik an hegemonialen Repräsentationsregimen im Bereich Kunst und visuelle Kultur sowie mit der Dekonstruktion und Dekolonisierung von umstrittenem kulturellen Erbe in Kunstinstitutionen, Sammlungen und öffentlichen Räumen. Ihre kuratorischen Projekte befassen sich mit kollaborativen und partizipatorischen Kunstpraktiken, feministischen Projekten von Künstlerinnen, die sich mit visuellen Mikrogeschichten in historischen und familiären Fotoarchiven befassen sowie mit gemeinschaftsbasierten Projekten in Solidarität mit marginalisierten und entrechteten Gruppen.
2019 kuratierte Milevska die Ausstellung Contentious Objects/Ashamed Subjects an der Polytechnischen Universität Mailand als Principal Investigator von TRACES – Transmitting of Contentious Cultural Heritages with the Arts – From Intervention to Co-production (EU-Programm Horizon 2020, 2016-2019). Von 2013 bis 2015 war sie Stiftungsprofessorin für mittel- und südosteuropäische Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Milevska war ein Fulbright Senior Research Scholar (Library of Congress, Washington D.C.). Sie promovierte in Visual Cultures am Goldsmiths College London. Im Jahr 2012 wurde sie mit dem ALICE Award for Political Curating und dem Igor Zabel Award for Culture and Theory ausgezeichnet. Ihr Forschungs- und Kurationsprojekt The Renaming Machine (2008-2011, Ljubljana, Skopje, Pristina, Zagreb, Wien) befasste sich mit der Politik und Ästhetik der Umbenennung, der Neuschreibung von Geschichte und Erinnerung in der Kunst und im öffentlichen Raum in Süd- und Osteuropa. Im Jahr 2010 initiierte Milevska das Projekt Call the Witness, das sich auf zeitgenössische Roma-Künstler:innen konzentrierte und aus einem partizipativen Online-Roma-Medienarchiv, der Ausstellung Call the Witness (BAK Utrecht) und dem Roma-Pavillon auf der 54. Biennale Venedig (Palazzo Zorzi, Venedig) bestand. Im Jahr 2011 kuratierte sie außerdem das Projekt Roma Protocol, Wiener Festwochen, Österreichisches Parlament, Wien.
Zu Milevskas Veröffentlichungen zählen Gender Difference in the Balkans (VDM Verlag, 2010), und die Hefte The Renaming Machine: The Book (P.A.R.A.SI.T.E. Institute, 2010), On Productive Shame, Reconciliation, and Agency (SternbergPress, 2016) und Inside Out – Critical Discourses concerning Institutions (herausgegeben zusammen mit Alenka Gregorič, 2016).

Sam Richardson ist ein:e interdisziplinäre:r Künstler:in, die:der in Los Angeles/Kalifornien in den Bereichen Fotografie, Video, Sound und Schreiben arbeitet. Als visuelle:r Künstler:in, die:der mit dokumentarischen Mitteln arbeitet, strebt Richardson danach, zu verlernen, alte Wege aufzubrechen und neue zu finden, um Bilder zu schaffen, die Kollaborationen und fotografische Beziehungen im Kontext von Körper, Trauma und Fürsorge hinterfragen. Sie* nutzt ihre* Erfahrung als Krisenberater:in für (Katastrophen-)Überlebende in New York und Los Angeles, Abolitionismus und persönliche Geschichte, um ihre* Arbeit mit einer Praxis der Fürsorge und der Erforschung persönlicher sowie gemeinsamer Erfahrungen zu verbinden.
Im Jahr 2020 schloss Richardson ihr* Studium der Fotografie am MFA-Programm der UCLA ab, wo sie* auch als Assistent:in tätig war, ebenso im Fachbereich Kunsterziehung. Richardsons Ziel in diesem Kontext ist, eine möglichst umfassende und inklusive Form der Kunsterziehung, von der Theorie bis zur Praxis, zu entwickeln. Im Winter 2020-21 war Richardson Artist and Instructor in Residence beim Urbano Project in Boston. Gegenwärtig ist sie* Kommunikationsdirektor:in und Teaching Artist bei Creative Acts. Im Herbst 2021 unterrichtet Richardson einen Grundlagenkurs am California Institute for the Arts sowie einen Fotografiekurs beim Las Fotos Project.
http://samxrichardson.com

Olga Ştefan ist Kuratorin, Kunstautorin, Dokumentarfilmerin und unabhängige Forscherin. Sie stammt aus Bukarest, wuchs in Chicago auf und lebt derzeit in Zürich. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit Erinnerungspolitik, Migration und Identität. Ştefan hat über dreißig Ausstellungen in Museen, Kunstzentren und Galerien kuratiert und Beiträge für viele internationale Zeitschriften, u.a. für Art in America, FlashArt, Art Review und Sculpture Magazine verfasst. Sie ist die Gründerin von The Future of Memory, einer transnationalen Plattform für die Erinnerung an den Holocaust in Rumänien und Moldawien durch Kunst und Medien. Hier sind auch ihre Dokumentarfilme abrufbar. Ihr Artikel über das Konzentrationslager Vapniarka erschien 2020 im Band Memories of Terror (CEEOL Press, Frankfurt am Main).
http://www.olgaistefan.wordpress.com
http://www.thefutureofmemory.ro

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at