Angela Anderson

Angela Anderson, North Dakota is on Fire, 2018.

Three (or more) Ecologies

A Feminist Articulation of Eco-Intersectionality

Dieses Projekt ist die jüngste Iteration meiner fortlaufenden Recherchen über den scheinbar unüberwindbaren Konflikt zwischen „Arbeit“ und „Natur“ im Kontext industrieller Entwicklung. Zentral für meine Untersuchung ist die Frage nach dem Wert, hier insbesondere die Frage nach den Wertvorstellungen, die herrschenden Begrifflichkeiten widerstehen, die nicht in das kapitalistische System „general[isierter] Äquivalenz“ (Felix Guattari) passen, wo jedes mögliche Ding oder jede mögliche Beziehung auf eine monetäre Berechnung reduziert wird. Ich interessiere mich insbesondere für die Aktivierung des auto-poetischen Potenzials der audio-visuellen Medien durch assoziative und experimentelle Montage. Dieses auto-poetische Potenzial kann als Ausdrucksmittel für affektive Register dienen, die in den hegemonialen Patriarchatslogiken von Austerität und Effizienz im Rahmen der ständigen Beschleunigung des Lebens unter dem Banner von „Wachstum“ und „Produktivität“ schwer, wenn gar unmöglich, zu artikulieren sind.

Der Titel Three or more Ecologies bezieht sich auf Felix Guattaris gleichnamigen Kurztext. Darin legt er einen Vorgang dar, der als ein intersektionaler Modus des Denkens von Ökologie beschrieben werden kann, als „ethisch-politische Artikulation … zwischen den drei ökologischen Registern (der Umwelt, den sozialen Beziehungen und der menschlichen Subjektivität)‟. Mit den „drei Ökologien‟ als Ausgangspunkt beabsichtigt das audio-visuelle Rechercheprojekt, das ich in Büchsenhausen entwickeln möchte, zwei scheinbar besonders disparate Orte auf der Erde zusammenzubringen – die Dakotas in den Vereinigten Staaten und Rojava in Nordsyrien – wo Frauen aktiv gegen die patriarchalen und erdverschlingenden Maschinerien des militarisierten, extraktiven Kapitals kämpfen und kraftvoll das dringende Bedürfnis nach der Anerkennung eines (oder mehrerer) Werteregister artikulieren, die sich von denjenigen unterscheiden, die derzeit vom Kapitalismus angeboten werden.

Wie der jüngste friedliche, von Frauen geführte Aufstand der „First Nations“ im Standing Rock Reservat so kraftvoll mit der Parole „Mni wičoni‟ oder „Wasser ist Leben‟ in Lakota zeigte, kann die „Umwelt‟ nicht getrennt von der Bildung menschlicher Subjektivität und von unserer sozialen Organisation gedacht werden. Dieses Gefühl spiegelt sich in Rojava in den lokalen Experimenten staatenloser Demokratie, die in feministisch ökologischem Einfühlungsvermögen verwurzelt ist. Es ist kein Zufall, dass beiden Kämpfen seitens staatlicher und privater Kräfte mit einem unglaublichen Ausmaß an Gewalt entgegnet wurde, größtenteils von den Interessen und Ideologien des extraktiven Kapitals angetrieben.

Mithilfe von dokumentarischen Filmmaterial, Interviewmaterial, Musik und Text möchte ich eine Mehrkanalinstallation produzieren, die jenseits üblicher Repräsentation von „Realität“ beziehungsweise der üblichen Berichterstattung über diese spezifischen Themen hinausreicht. Durch die bewusste Aktivierung der Qualitäten und Potenzialitäten auditiver und visueller Medien als Weltenerschaffungsmaschinen beabsichtige ich zu einer feministischen, post-humanen Ethik beizutragen, die den Wert kreativer Produktion anerkennt, in der die Vielfalt Stärke findet und sich als Ziel setzt, wie Rosi Braidotti es ausdrückt, „negative Leidenschaften in positive zu verwandeln‟.[1]

Text: Angela Anderson

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[1] Braidotti, Rosi, Affirming the Affirmative: On Nomadic Affectivity, Rhizomes 11/12 (Herbst 2005/Frühling 2006).

Angela ANDERSON ist eine Künstlerin und Filmemacherin, die an der Schnittstelle zwischen den Feldern Philosophie, Ökologie, Wirtschaft, Migration, Medien und feministische & queere Theorie arbeitet. Ihrer Arbeit inhärent sind ein Bewusstsein über das Vorhanden-Sein einer intimen Verbindung zwischen medialer Produktion, Erinnerung und Vorahnung sowie das Potenzial audio-visueller Medien zur Eröffnung neuer Perspektiven. Ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften und Lateinamerikanistik schloss sie mit einem BA der University of Minnesota ab, worauf wenig später ein MA in Film and Media Studies an der New School (NYC) folgte. Gegenwärtig schreibt Anderson an der Akademie der Bildenden Künste Wien an ihrer Doktorarbeit. Seit 2013 arbeitet sie mit Angela Melitopoulos an den audio-visuellen Forschungsprojekten Unearthing Disaster, The Refrain (2015) und Crossings (2017), das bei der documenta 14 gezeigt wurde. 2016 produzierte sie ihren Kurzfilm The Sea Between You and Me für die Ausstellung Voice Outside the Echo Chamber kuratiert von Katayoun Arian im Framer Framed (Amsterdam). Neuere Ausstellungsbeteiligungen inkludieren das Minnesota Street Project (San Francisco, 2017), Holbaek Images (2016) und die Thessaloniki Biennale (2015). Sie ist außerdem als Ausstellungsdesignerin des Forum Expanded bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin tätig und hat mit vielen anderen Künstler_innen und Filmemacher_innen an der Realisierung performativer, filmischer und installativer Projekte gearbeitet.
angelaolgaanderson.wordpress.com