Anna Dasović

Anna Dasović, "Before the Fall there was no Fall. Thinking and acting between preenactment and reenactment", Filmstill.

Before the Fall there was no Fall

Thinking and acting between preenactment and reenactment

Before the Fall there was no Fall ist ein forschungsbasiertes Projekt, das ich im Laufe des Jahres 2020 zu einer Reihe von (Video-)Arbeiten, öffentlichen Begegnungen und einem Buch in Zusammenarbeit mit anderen Produzent_innen und Theoretiker_innen entwickeln werde. Diese Ergebnisse werden das letzte Kapitel einer Reihe von Arbeiten bilden, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.

Im Mittelpunkt des Projekts steht die Art und Weise, in der die internationale Gemeinschaft verschiedene Darstellungen des (ethnisch) „Anderen“ zur Zeit der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren hergestellt hat. Die westliche Politik selbst produzierte das Bild eines „zivilisierten“ Europas, indem sie ihr ein Gegenüber, den „barbarischen Balkan“, als das radikal „Andere“ (re)produzierte. In diesem Zusammenhang haben die Vereinten Nationen eine ihrer bislang umstrittensten Resolutionen unterzeichnet, mit der sie offiziell einen „UN-Sicherheitsraum“ um Srebrenica einrichteten.

In den letzten Jahren habe ich intensiv die Rolle der Repräsentation des Völkermords erforscht, der im Sommer 1995 in Srebrenica stattfand. Im Mittelpunkt des Interesses steht eine Sammlung von VHS-Kassetten, die ich 2014 in einem geschlossenen Archiv des niederländischen Verteidigungsministeriums entdeckt habe. Die Videos dokumentieren militärische Übungen niederländischer UN-Bataillone vor ihrem Einsatz in der von den Vereinten Nationen als Sicherheitsbereich Srebrenica eingerichteten Zone von 1994/1995. Nach vierjährigen Verhandlungen und auf der Grundlage des niederländischen Informationsfreiheitsgesetzes wurden mir die Bänder im Herbst 2018 schließlich freigegeben.

Die Verarbeitung dieses Materials wird in einer Reihe von episodischen Videoarbeiten resultieren, in denen ich mich auf die Frage konzentrieren werde, auf welche Weise, die in diesen Aufnahmen artikulierte Auffassung von Rasse einen erheblichen Einfluss auf die Kultur eines westlichen Militärregimes und seines Nationalstaates (am Beispiel der Niederlande) ausüben konnte. Ebenso im Mittelpunkt steht die Frage, wie Vorstellungen von „Selbst“ im Verhältnis zum „Anderen“ das Verhalten der Niederländer und ihre Rolle als Blauhelme beeinflussen. Inwieweit wirken sich diese Begriffe auf den Diskurs um das niederländische Militär aus? Und wie kann das gefundene und archivierte Material in den öffentlichen Diskurs eingebracht werden, um die geläufige Wahrnehmung der Ereignisse in Srebrenica verändern zu können?

Text: Anna Dasović

Anna DASOVIĆs künstlerische Praxis konzentriert sich auf rhetorische Strukturen, die völkermörderische Gewalt sichtbar machen, die aber auch eingesetzt werden, um politisch unangenehme Aspekte solcher Konflikte zu verdecken. Sie fragt: An welchen ideologischen Narrativen nehmen Gewaltdarstellungen auf struktureller Ebene teil? Welche Formen von Trauma können solche Dokumente, die entweder im legislativen Bereich angesiedelt oder für das Archiv (hier im doppleten Sinn eines physischen Ortes aber auch als Metapher für kollektive Erniedrigung und Reue) konstitutiv sind, nicht bewältigen? Dasović hat Fotografie studiert, ihre Installationen und Videos weisen eine dementsprechende formale Präzision auf – heute arbeitet sie jedoch weitgehend interdisziplinär. Ihre Methodik schließt dabei Archiv- und Feldforschung, Interviews sowie bibliographische Recherche ein.

2017-2018 war Dasović Resident Artist an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Sie ist Mitglied der Collection Collective, Template for a Future Model of Representation, einer Gruppe, die die gegenwärtige Krise der sammlungsbasierten Institutionen der zeitgenössischen Kunst untersucht und Potenziale in einem Modell der (Kunst-)Sammlung identifiziert, das gleichzeitig von Künstler_innen und anderen Kulturschaffenden zusammengestellt, besessen und betrieben wird. Ihre Arbeiten wurden an international bedeutenden Institutionen gezeigt, darunter in der Bergen Assembly, im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, im Stedelijk Museum Bureau Amsterdam (SMBA), im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMA) Algier, im Van Abbemuseum in Eindhoven, im Museum für jugoslawische Geschichte in Belgrad und im Niederländischen Photomuseum in Rotterdam. Zuvor war sie unter anderem Artist in Residence bei MAMA Algiers, Celeia Zentrum für zeitgenössische Kunst Celje Slowenien, Casa Tres Patios in Medellín und Residencia en La Tierra in Montenegro Kolumbien.

www.annadasovic.com