Fellowship-Programm für Kunst und Theorie 2019-20

Liebe Freund_innen des Künstlerhauses Büchsenhausen,

Das Fellowship-Programm für Kunst und Theorie stellt im Jahr 2019-20 Arbeitsvorhaben in den Fokus, die sich mit bestimmten Identitätskonstruktionen beschäftigen, die für unsere Gegenwart von konstitutiver Bedeutung sind. Die Fundamente dieser Identitätskonstruktionen liegen im Humus (post)nationalsozialistischer sowie (post)kommunistischer Geschichtsereignisse: Die militärische Konstruktion des „Anderen” im Zuge der UN-Präsenz während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren, aktivistische Biografien in Osteuropa nach dem Mauerfall, aber auch die nationalsozialistische Ideologie und deren subkutane Persistenz bis heute, sowie ihr Widerpart in Jugoslawien, die Partisan_innen-Bewegung und deren Kultur, sind Themenfelder beziehungsweise Ausgangspunkte für die Vorhaben der Fellows. Die Künstlerinnen Anna Dasović, Lena Ditte Nissen, das Kunstkollektiv KURS (Miloš Miletić und Mirjana Radovanović) sowie die Theoretikerin Airi Triisberg wurden nach einem zweistufigen Bewerbungsverfahren, an dem über 170 Künstler_innen und Theoretiker_innen teilnahmen, von einer Fachjury bestehend aus Christoph Hinterhuber (Künstler, Mitglied des Fachbeirats im Künstlerhaus Büchsenhausen), Andrei Siclodi (Kurator, Leiter des Künstlerhauses Büchsenhausen) und Veronica Valentini (freie Kuratorin, Barcelona) eingeladen, an ihren jeweiligen Vorhaben im Künstlerhaus Büchsenhausen zu arbeiten.

Das Fellowship-Programm beginnt Anfang Oktober und lädt am 11. Oktober 2019 im Format der Start Up Lectures (der einführenden Präsentationen) sowie einer zeitgleichen Eröffnungsausstellung ein, die Fellows und ihre Vorhaben näher kennzulernen. Hier eine kurze Vorschau:

Anna DASOVIĆ konzentriert sich in ihrem Arbeitsvorhaben auf die verschiedenen Darstellungen des (ethnischen) „Anderen” zur Zeit der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren, während die westliche Politik das Bild eines „zivilisierten Europas” produzierte. Im Mittelpunkt des Interesses steht eine Sammlung von VHS-Kassetten, die Dasović 2014 in einem öffentlichen nicht zugänglichen Archiv des niederländischen Verteidigungsministeriums entdeckte. Die Videos dokumentieren militärische Übungen niederländischer UN-Bataillone vor ihrem Einsatz in der von den Vereinten Nationen als Sicherheitsbereich Srebrenica eingerichteten Zone von 1994/1995. Dasovićs forschungsbasiertes Projekt soll zu einer Reihe von (Video-)Arbeiten, öffentlichen Begegnungen und einem Buch in Zusammenarbeit mit anderen Produzent_innen und Theoretiker_innen entwickelt werden. KURS befasst sich in der Archivforschung Lessons in Defense mit spezifischen Aspekten der Entwicklung von Kultur und Kulturpolitik innerhalb der Volksbefreiungsbewegung (PLM) auf dem Territorium Jugoslawiens während des Zweiten Weltkriegs. Die Recherche zeigt, dass die Partisanenbewegung nicht nur eine Form von Faschismusbekämpfung war, sondern auch Verhältnisse ermöglichte, die eine gesellschaftliche Entwicklung förderte, die inhärent nach einer anderen Stellung von Kultur verlangte. Während der Fellowship im Künstlerhaus Büchsenhausen möchte KURS die bestehende Archivforschung und den entsprechenden, bereits vorhandenen Text in eine künstlerische Arbeit umsetzen. Lena Ditte NISSEN will die Vergangenheit ihrer Familie aufarbeiten. Das Fluchttagebuch und die Memoiren ihrer Großmutter bilden das Ausgangsmaterial für die Auseinandersetzung mit der Nazigeschichte der eigenen Familie. Nissen geht dabei Fragen nach generationenübergreifendem Trauma, Wissenstransfer und politischer wie individueller Positionierung nach und hat sich für eine besondere Form der kollektiven Analyse und Bewältigung entschieden: Die Künstlerin wendet die in den 1990ern von der Schweizer Kulturanthropologin und Psychoanalytikerin Maya Nadig für Verhaltensforscher_innen entwickelte Methode der Deutungswerkstatt an. Airi TRIISBERG beabsichtigt in ihrem Forschungsprojekt, soziale Bewegungen in Osteuropa zu dokumentieren, zu kontextualisieren und zu analysieren. Dazu wird eine Vielzahl von politischen Organisator_innen interviewt, die in der Bewegungspolitik aktiv sind und oft auch an der Schnittstelle von Wissensproduktion, Kunst und Kultur arbeiten. Die Forschungsteilnehmer_innen sind in dem breiten Spektrum von Initiativen zur sozialen Gerechtigkeit aktiv, unter anderem queere/feministische Organisation, Arbeitskämpfe, antirassistische Politik und ökologische Bewegungen. Die geografische Reichweite der Forschung wird sich vor allem auf den Ostseeraum des Baltikums konzentrieren, beschränkt sich allerdings nicht ausschließlich darauf. Das Ergebnis des Forschungsprojekts wird ein Buch mit einer Sammlung von persönlichen Berichten über Praktiken des politischen Organisierens sein. Die Interviews sollen Einblicke in die jüngere Geschichte der sozialen Bewegungen und deren Politiken in Osteuropa geben und auch die Schnittstellen zwischen politischen Aktivismus, Wissensproduktion und Kulturarbeit thematisieren.

Die künstlerischen Recherchen sowie die Entwicklungs- und Produktionsprozesse werden, wie jedes Jahr, von einem abwechslungsreichen öffentlichen Veranstaltungsprogramm begleitet, das von den Fellows vorgeschlagen und in enger Kooperation mit ihnen durchgeführt wird. So geht am Samstag, 09. November um 17:30 Uhr im Rahmen der Innsbrucker Premierentage 2019 ein Screening und anschließender Talk mit Fellow Lena Ditte Nissen und Andrei Siclodi über die Bühne. Weitere Veranstaltungen der Fellows werden planmäßig in den “Büchsenhausen Focus Weeks 2020” im Jänner (13. – 25. Jänner 2020) sowie Ende März (23. März – 03. April 2020) stattfinden.

Aktuelle Details zu Inhalten und Terminen finden sich in den kommenden Monaten hier auf unserer Website.

Wir wünschen Ihnen spannende und aufschlussreiche Erfahrungen mit dem Fellowship-Programm des Künstlerhauses Büchsenhausen!

Mit besten Grüßen
Andrei Siclodi
Programmleiter