Start Up Lectures 2018-19: Third Person (Plural) + Vizio di forma (Formfehler)

Erstausstrahlung: Mo 04.02.2019, 11.06 Uhr MEZ
Wiederholung: Mi 20.02.2019, 21.00 Uhr MEZ
Eine Sendung in Zusammenarbeit mit: Aikaterini Gegisian, Riccardo Giacconi

Das Fellowship-Programm für Kunst und Theorie stellt im Jahr 2018–19 vier Künstler_innen vor, die sich in ihren jeweiligen Arbeitsvorhaben mit vergessenen beziehungsweise unterbeleuchteten sozialen und politischen Narrativen beschäftigen, die für das Verständnis gegenwärtiger gesellschaftlicher Dynamiken als relevant erscheinen.

Das Projekt Third Person (Plural) basiert auf archivarischen Recherchen über Populärkultur, Feldforschung und öffentliches Engagement und soll zur Produktion einer Serie von Filmepisoden führen, die – wenn sie zusammengefügt werden – einen abendfüllenden Essayfilm ergeben. Motiviert durch die jüngste Zunahme nationalistischer und isolationistischer Narrative in der sogenannten westlich-entwickelten Welt, beabsichtigt Gegisian das „Bild“ Europas aus einer weiblichen Perspektive zu dekonstruieren. Dadurch soll erkundet werden, inwiefern unterschiedliche, populäre Bildkulturen in der gegenwärtigen Produktion nationaler und supranationaler Vorstellungswelten verwickelt sind. Das Projekt nimmt als Ausgangspunkt die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und die damals eingeleiteten, historischen Vorgänge der Etablierung eines „Vereinigten“ Europas, so wie sie in den amerikanischen Wochenschauen sowie in den von der US-Regierung beauftragten Dokumentarfilmen dargestellt wurden. Third Person (Plural) basiert selbst auf solchem Archivmaterial, das im Rahmen eines sechsmonatigen Forschungsfellowships in der Library of Congress gesammelt wurde, und setzt dieses Material in einen Dialog mit jüngeren Brexit- und Grexit-Debatten.

Vizio di forma (Formfehler): Im Rahmen seines Fellowships wird Riccardo Giacconi an einem langfristig angelegten Recherchevorhaben über das Verhältnis zwischen Städteplanung und Medienmacht arbeiten. Als Fallbeispiel konzentriert er sich auf ein urbanistisches Projekt der 1970er Jahre in Italien, auf die Wohnanlage Milano 2, mit der sich der Künstler bereits 2017 in seinem Film Due auseinandergesetzt hat.

Milano 2 ist ein Wohnanlagenkomplex, der an der Peripherie Mailands zwischen 1970 und 1979 auf Betreiben des italienischen Medien-Tycoons und ehemaligen Premierministers Silvio Berlusconi entstand. Milano 2 sollte die Utopie einer “anderen” Welt abseits der bestehenden Stadt verwirklichen, zugunsten einer aufstrebenden, neuen Mittelklasse, die vor den damaligen politischen Turbulenzen im Land flüchten wollte – quasi eine sichere und ruhige Festung für die Reichen, mit allem Komfort, den eine Absonderung von der Öffentlichkeit bieten konnte.
Charakteristische Merkmale des Wohnkomplexes sind die Sportanlagen, der Kinderspielplatz und ein kleiner künstlicher See. Das einzige vorhandene Restaurant schließt um 22:30 Uhr; im Ort gibt es keine Theater, Kinos, Museen, Bars oder Nachtklubs. Mailand scheint dadurch, obwohl nahe gelegen, sehr weit entfernt zu sein, vor allem nachts.

In dieser Büchs’n’Radio Sendung hören Sie die Präsentationen der Start Up Lectures von Aikaterini GEGISIAN und Riccardo GIACCONI, welche am 12. Oktober im Künstlerhaus Büchsenhausen stattfanden.

Quelle: https://cba.fro.at/451820

Büchs’n’Radio auf RADIO FREIRAD
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Aikaterini GEGISIAN ist griechisch-armenischer Herkunft; sie lebt und arbeitet zwischen Großbritannien und Griechenland. Aufbauend auf ihrem Beitrag im armenischen Pavillon bei der 56. Biennale von Venedig (2015, Goldener Löwe für die beste nationale Teilnahme), hat sie in den letzten beiden Jahren eine Reihe von Auftragsarbeiten entwickelt, die die Rolle von Bildern bei der Konstruktion nationaler und genderspezifischer Identitäten erkunden. Sie wurden unter anderem im Jüdischen Museum, Moskau; dem National Arts Museum of China, Peking; dem Middlesbrough Institute of Modern Art,UK; im BALTIC, Newcastle; in der Calvert 22 Foundation, London; in der Kunsthalle Osnabrück; im DEPO, Istanbul; und dem Yermilov Centre, Ukraine gezeigt. 2018 war sie Research Fellow in der Library of Congress, Washington DC.
gegisian.com

Riccardo GIACCONI studierte Kunst an der Universität von Venedig. Seine Arbeit wurde unter anderem in ar/ge kunst Bozen, MAC Belfast, WUK Kunsthalle Exnergasse in Wien, FRAC Champagne-Ardenne in Reims, tranzitdisplay Prag, MAXXI in Rom, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo (Turin) und an der 6. Moscow International Biennale for Young Art gezeigt. Er war artist-in-residence am Centre international d’art et du paysage in Vassivière (F), lugar a dudas in Cali (COL), am MACRO Museum of Contemporary Art in Rom (IT) und in La Box, Bourges (F). Seine Filme wurden unter anderem beim New York Film Festival, dem Venice International Film Festival, dem International Film Festival Rotterdam sowie bei Visions du Réel und FID Marseille, wo er im internationalen Wettbewerb den Großen Preis gewann (2015), präsentiert. Er ist Mitbegründer des Kollektivs Blauer Hase, mit dem er die Zeitschrift Paesaggio herausgibt und das Helicotrema Festival kuratiert.