Fokus Grupa

Fokus Grupa: Exercising Novy Byt, 2014, Möbel-Prototyp. ŠKUC Gallery, Foto: Dejan Habicht

Vera Pavlovnas vierter Traum

Die Struktur der Kernfamilie (Mutter, Vater, gemeinsame leibliche Kinder) hat die Teilung von Arbeits- und Machtbeziehungen innerhalb der Begrenzungen bürgerlicher (und anderer) familiärer Zusammenhänge bestimmt und die materielle Grundlage für die kapitalistische Gesellschaft gebildet; unabhängig davon, ob wir nun über die Produktion von Kapital per se oder über die Herstellung sozialer und geschlechtsspezifischer Rollen sprechen.

Der Raum des Familienhauses wurde rund um das Paradigma des privaten und öffentlichen Lebens einer gegebenen Gesellschaft aufgebaut. Veränderungen innerhalb dieser Gesellschaft führten wiederum zu Transformationen des Raums an sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Folge auf den Beschäftigungsanstieg verheirateter Frauen wie auch die Popularisierung des Fernsehens, gewann der living room (Wohnzimmer) zunehmend an Bedeutung und ersetzte oft – so etwa im ehemaligen Jugoslawien – den bis dahin verbreiteten dining room (Esszimmer). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern Architektur und Design dazu dienen können, soziale Beziehungen zu reformieren, anstatt diese nur zu reflektieren?

Ausgehend von dem einflussreichen Buch Chto Delat (Was tun?, 1863) des russischen Philosophen, Journalisten und Literaturkritikers Nikolai Tschernyschewski und den konkreten Beschreibungen der Lebens- (und Arbeits)räume der beiden Protagonist_innen Lopuhov und Pavlovna will das Künstler_innenkollektiv Fokus Grupa die verschiedenen literarischen, visuellen, Design- und architektonischen Vorschläge, Prototypen, Ideen, Projekte und Praktiken erforschen, die sich seit der Moderne insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung von Lebensräumen mit der Vorstellung der sozialen Transformation im Design utilitaristischer Objekte befasst haben. Im Rahmen dieser Erforschung will Fokus Grupa sich auf die Suche nach dem Potenzial solcher künstlerischen Ansätze begeben, sich aber auch mit Fehlrealisierungen und falschen Zuordnungen durch die Unternehmenskultur und Unternehmensproduktion befassen (Stichworte: Internationaler Stil, IKEA usw.).
In ihrer Forschung nimmt Fokus Grupa Bezug auf das Architektur-Konzept des Social Design und geht davon aus, dass die architektonische Gestaltung des Privatraums der Gestaltung des persönlichen Lebens entsprechen soll. Eine Erforschung muss sowohl die räumlichen Design-Praktiken als auch das Social Design (der vorherrschenden Kernfamilie) hinterfragen und alternative soziale Strukturen, also alternative soziale Grundeinheiten, vorschlagen.

Fokus Grupa ist ein im kroatischen Rijeka beheimatetes Künstler_innenkollektiv, dessen Arbeiten die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bezugssysteme im Kunstbereich beleuchten. Ihre künstlerische Praxis ist kollaborativ und interdisziplinär und umfasst Kunst und Design ebenso wie kuratorische Arbeit. Fokus Grupa befasst sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis zwischen Kunst und ihren öffentlichen Manifestationen, im Hinblick auf Arbeitskultur, Ästhetik und soziale und wirtschaftliche Tauschwerte. Arbeiten des Kollektivs wurden bereits in einer Reihe internationaler Museen und Ausstellungen gezeigt, u.a. in der Offbiennale Budapest; Visual Culture Research Centre, Kiew; A3bandas, Madrid; MACRO, Rom; MCA, Ljubljana, MCA, Zagreb, Magazzino del Sale Venice; Calvert 22, London; Tranzit, Bratislava; Kunsthalle Exnergasse, Wien; SKUC Gallery, Ljubljana; Miroslav Kraljević Gallery, Zagreb; Transmission Gallery, Glasgow.
http://fokusgrupa.net