Der Vorstand konstituiert sich selbst.

In Gesetzestexten wie einer Vereinssatzung, einer Geschäftsordnung oder dem Grundgesetz treten Momente der Adressierung auf, in denen der Übergang zwischen Einzelnem und formalisierter Allgemeinheit ablesbar ist. Der Stimme, dem Stimmrecht, der Anwesenheitspflicht oder der Unterzeichnungsbefugnis haftet noch die Spur der direkten Rede und der direkten Verhandlung an. Gleichzeitig markiert sie den Übergang hin zu den Formen, in denen sich Gemeinschaft organisiert.

Im Verein verschreiben sich zum Beispiel wechselnde Einzelne der Umsetzung eines bestimmten Zieles; über Rotation und Wahlen treten sie an austauschbare Positionen, die dem Erreichen eines gemeinsamen Zieles und dem grundlegenden allgemeinen Nutzen verpflichtet sind. Ähnlich verhält es sich mit globalen Instanzen wie den Vereinten
Nationen, die in ihrem Regelwerk Verfahren entwerfen, in denen die Nationalstaaten der Welt miteinander in Verhandlung treten. Wie verhält sich jedoch ein juristischer Text, in dem Verfahren und Rechte eingeschrieben stehen, selbst als Text? Lassen sich aus Gesetzestexten Stimmen und Handlungen herauslösen, die, miteinander in Beziehung gebracht, eine Art Aufführung erzeugen können?
Sönke Hallmann

Der Workshop am 30. März 2010 nutzte das DOR. In einem erweiterbaren Textpool (www.automatist.net/deptofreading/wiki/pmwiki.php/ConstitutionPool) fanden sich Auszüge, unter anderem der Statuten der Tiroler Künstlerschaft, der Shedhalle Zürich, des Flutgraben e. V. sowie der Vereinten Nationen, des Stadtrechtes von Innsbruck und des Entwurfes zur Verfassung der DDR. Anhand solcher Begriffe wie Stimme und Einschreibung, Mitgliedschaft, Versammlung und Ausschluss wurde in dem Workshop versucht zwischen diesen unterschiedlichen Textfragmenten Bezüge herzustellen.

Inga ZIMPRICH (*1979) lebt als Künstlerin und Kuratorin in Berlin. In den zumeist gemeinschaftlichen Arbeiten, an denen sie mitwirkt, steht das Sprachsystem der zeitgenössischen Kunstinstitution im Vordergrund. Seit 2006 erarbeitet sie kontinuierlich verschiedene kuratorische und künstlerische Produktionen in der Ukraine. Inga Zimprich arbeitet unter anderem intensiv mit Sönke Hallmann (Theorie) und Paul Gangloff (Design) zusammen.
www.ingazimprich.net
www.un.ingazimprich.net

Das Department of Reading wurde 2006 von Sönke Hallmann als Online-Lesegruppe gegründet, die in verschiedenen internetbasierten und räumlichen Settings existierende Texte bearbeitet und mittels Kommentar, Einrückung, Auszug und Umschrift verändert.
www.reading.department.cc

Sönke HALLMANN studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und befasst sich insbesondere mit den literarischen Arbeiten Franz Kafkas und Heiner Müllers sowie den theoretischen Schriften von Jacques Derrida und Giorgio Agamben. 2006 initiierte Hallmann das Department of Reading (DOR), das mittels Wiki- und Skype-Technologie online in Texte eingreift und sie bearbeitet.

Das DOR stellt als Format die Gemeinschaftlichkeit des Lesens als kulturelle Praxis in den Mittelpunkt der Arbeit. Hallmann veröffentlicht zu Begriffen der Ähnlichkeit, des Spiels und Schauspiels, zu Geste und Erinnerung in Magazinen und Publikationen (Text-Revue, F.R. David, Geist Magazin).

Elske ROSENFELD befasste sich 2010 mit der Geschichte und Geschichtsschreibung der DDR und insbesondere jener Geschichte von 1989/90 als politischem Möglichkeitsraum. Sie bearbeitete in diesem Zusammenhang auch den Verfassungsentwurf des Runden Tisches von 1990.
www.elskerosenfeld.net

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at