Praktiken der Resonanz und Zerstreuung versammeln
Exkursion & Listening Session mit Talya Lubinsky (Künstlerin), Gespräch mit Tammy Langtry (Kurator*in, Forscher*in) & Talya Lubinsky (Künstler*in) & Kandis Friesen (Fellow)

Die Veranstaltung beginnt mit einer ortsspezifischen Listening Session im Höttinger Steinbruch, gefolgt von einem gemeinsamen Spaziergang zum Kunstpavillon für ein Künstler*innengespräch und eine Diskussion mit Tammy Langtry und Talya Lubinsky, moderiert von Kandis Friesen.
Am Höttinger Steinbruch präsentiert Lubinsky zwei Audioarbeiten, die in Zusammenarbeit mit Langtry im Rahmen ihres langfristigen künstlerischen Forschungsprojekts Sedimenting Stories entstanden sind. Das Projekt konzentriert sich auf den Strand Street Quarry am Rand des Tafelbergs in Kapstadt, Südafrika. Hier bauten versklavte Menschen seit Beginn der Sklaverei in der niederländischen Kapkolonie im Jahr 1653 Gestein ab. Aus diesen Steinen wurden die kolonialen Gebäude der Stadt errichtet und Pflasterstraßen gebaut.
Wir beginnen am Höttinger Steinbruch als Referenz auf den Steinbruch als Ort von Resonanz, dessen entnommenes Material zum Bau dauerhafter und monumentaler Formen verwendet wurde. Nicht länger an einem klar lokalisierbaren Ort konzentriert, verweisen die verstreuten Steine auf die Weise, in der Geschichten und ihre fortwirkenden Gegenwarten in das Gewebe des Alltags eingeschrieben sind. Gemeinsam schlagen die Listening Session und das Gespräch den Strand Street Quarry nicht nur als historisch bedeutsamen Ort vor, sondern auch als einen konzeptuellen Rahmen, um über die Extraktion geologischen Materials und menschlicher Arbeit nachzudenken. Die Abwesenheit des Steinbruchs ist ein Hohlraum, der tragen kann – ein Gefäß für zirkulierende Geschichten, Lieder und Präsenzen.
Diese Einladung geht aus Kandis Friesens aktuellem Fellowship-Forschungsprojekt Karaganda, Karaganda hervor, das in der langsamen Auflösung von Karlag verankert ist – einem ehemaligen sowjetischen Gulag (Zwangsarbeitslager) von enormem Ausmaß in Zentralkasachstan. 1931 als Kohlebergbaukomplex eröffnet, wurde er 1959 stillschweigend geschlossen und in den Alltag überführt, wobei seine Strukturen in teilweise verfallenen, zugleich aber weiterhin funktionalen Ruinen bestehen blieben. Friesen nähert sich dem Ort als einer weitreichenden Erinnerungsstruktur und untersucht, wie Landschaft, Architektur und Klang historisches Gedächtnis bewahren und weitertragen: durch gedämpfte Leerräume und Abwesenheiten, angefügte Narrative und Strukturen, langsame Aufschichtungen und klaffende Öffnungen.
In beiden Projekten werden zwei konkrete Orte gewaltsamer Extraktion als Denkrahmen begriffen, um Konzepte von Resonanz und Zerstreuung zu befragen – und mit ihnen zu denken. Durch Versammlung und Zusammenkunft wird jeder Ort als ein Raum verstanden, der klangliche und historische Resonanzen bewahrt und weiterträgt. Im gemeinsamen Zusammenkommen richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Zerstreuung von Materialien ebenso wie von Narrativen, die zirkulieren und die Welten, in denen wir leben, mit hervorbringen.
Ablauf:
15:00 Treffen am Höttinger Steinbruch
15:10 – 15:50 Hörsession mit Kandis Friesen & Talya Lubinsky
16:00 – 16:30 Spaziergang zum Kunstpavillon
16:30 – 17:00 Pause & Fingerfood
17:00 – 18:15 Gespräch mit Tammy Langtry & Talya Lubinsky (hybrid)
Barrierefreiheit Höttinger Steinbruch
Der Steinbruch ist leider nicht rollstuhlgerecht zugänglich.
Barrierefreiheit Kunstpavillon
Das Gespräch findet hybrid und in englischer Sprache statt. Sie können entweder persönlich im Kunstpavillon teilnehmen oder die Veranstaltung online über Zoom verfolgen. Der Kunstpavillon ist barrierefrei mit einem Lift zugänglich (bitte nutzen Sie die Glocke neben der Treppe). Im Kunstpavillon gibt es eine barrierefreie, rollstuhlgerechte Toilette. Um via Zoom teilzunehmen, senden Sie bitte eine E-Mail mit dem Betreff „Zoom Link: Kandis“ an office@buchsenhausen.at. Sie erhalten den Zoom-Link ca. eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung per E-Mail.
Tammy Langtry ist eine unabhängige Kurator*in, Kulturproduzent*in und Forscher*in mit Sitz in Südafrika. Nach ihrem Abschluss an der University of the Witwatersrand beschäftigt sich ihre kuratorische Forschung mit urbanen, räumlichen und familiären Geschichten im südlichen Afrika, insbesondere mit der Frage, wie künstlerische Praxis Archive, Erinnerung und Ort verhandelt. Ihre Arbeit entwickelt kollaborative, forschungsbasierte Projekte mit Künstler*innen, die sich mit kritischen Geschichten in der Entstehung südafrikanischer Städte auseinandersetzen. Langtry war Fellow des Àsìkò Fellowship Programms in Kairo (2025) sowie des Creative Knowledge Resource (CKR) Research Fellowship (2024–2025). Sie ist Managing Editor des Ellipses Journal for Creative Research und als Lehrbeauftragte im Fachbereich Bildende Kunst an der University of the Witwatersrand tätig, wo sie Professional Practice: Ecologies of Practice unterrichtet.
Talya Lubinsky ist Künstler*in und Organisator*in aus Johannesburg und lebt derzeit in Berlin. In ihrer aktuellen künstlerischen Praxis untersucht sie die poetischen und materiellen Eigenschaften elementarer Stofflichkeiten als Aggregate, um scheinbar voneinander entfernte geografische und zeitliche Kontexte miteinander in Beziehung zu setzen. Zu den Einzelausstellungen zählen Melting Stone, Flossenbürg Concentration Camp Memorial (2022), Marble Dust, Künstlerhaus Bethanien (2020), Floating Bodies, Iwalewahaus (2017) sowie If we burn, there is ash, Wits Anthropology Museum in Johannesburg (2016). Lubinsky erhielt ihren MFA mit Auszeichnung an der University of the Witwatersrand in Johannesburg und ist derzeit Doktorand*in im Fachbereich Geschichte an der University of the Western Cape.
Kandis Friesen arbeitet mit dem zerfallenden und zerstreuten Monumentalen. Ihre jüngsten Arbeiten in den Bereichen Video, Skulptur, Klang und Installation nutzen Geschichte als zentrales Material und schaffen provisorische Strukturen für Resonanz, Neupositionierung und Verfall. Sie arbeitet oft mit Methoden des Transplantierens und der Wiederveröffentlichung (etwas erneut öffentlich machen) und verstärkt dabei ortsspezifische Geschichten und die Strukturen, die diese bewahren und weitergeben.
Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und gezeigt, unter anderem in der Galerie im Turm (Berlin), Kunst im Stadtraum (Berlin), im Nationalen Kunstmuseum Odessa (Odessa), auf der CAFKA Biennale für Kunst im öffentlichen Space (Waterloo), Roman Susan, auf der Chicago Architecture Biennial (Chicago), Plug In ICA (Winnipeg), Festival International du Film sur l’Art (Montréal), MIX (NYC), Jihlava IDFF (Jihlava) und Images Festival (Toronto). Friesens Arbeit wurde durch Stipendien der Graham Foundation und des Canada Council for the Arts sowie durch Residenzen bei Rupert, Bemis Centre und Künstlerhaus Bethanien unterstützt. Sie stammt aus Winnipeg und Montréal und lebt in Berlin.
Veranstaltungsort
Exkursion: Höttinger Steinbruch
Gespräch (hybrid): Kunstpavillon