Fellowship-Programm für Kunst und Theorie 2018-19

Liebe Freund_innen des Künstlerhauses Büchsenhausen,

das Fellowship-Programm für Kunst und Theorie stellt im Jahr 2018–19 vier Künstler_innen vor, die sich in ihren jeweiligen Arbeitsvorhaben mit vergessenen beziehungsweise unterbeleuchteten sozialen und politischen Narrativen beschäftigen, die sich für das Verständnis gegenwärtiger gesellschaftlicher Dynamiken als relevant erweisen könnten. Nach einem zweistufigen Wettbewerb, an dem über 170 Künstler_innen und Theoretiker_innen teilnahmen, wurden Angela Anderson, Michael Baers, Aikaterini Gegisian und Riccardo Giacconi von einer Jury bestehend aus Lisa Mazza (Kuratorin und Mitglied des Fachbeirats im Künstlerhaus Büchsenhausen), Başak Şenova (Kuratorin) und Andrei Siclodi (Programmleiter, Künstlerhaus Büchsenhausen) eingeladen, im Künstlerhaus Büchsenhausen ihre Arbeitsvorschläge zu realisieren. Angela Anderson wird, in Anlehnung an Felix Guattaris Text über die „drei Ökologien“ (Umwelt, soziale Beziehungen und menschliche Subjektivität), zwei scheinbar disparate Kontexte in ein filmisch-installatives Projekt zusammenführen: die Dakotas in den Vereinigten Staaten und Rojava in Nordsyrien – wo jeweils Frauen sich aktiv gegen die patriarchalen und erdverschlingenden Maschinerien des militarisierten, extraktiven Kapitals widersetzen. Michael Baers will Zusammenhänge und Parallelitäten von Wetter und Geschichte untersuchen, sowohl hinsichtlich der Regelmäßigkeit ihrer (jeweiligen) Ereigniswiederholung, als auch des Umstands, dass das Auftreten von Ereignissen zwar zufällig aber wahrnehmungstechnisch meist zur Unzeit erfolgt. Hierfür will der Künstler sich mit der Zwischenkriegszeit vor Ort auseinandersetzen, insbesondere mit dem Zeitraum zwischen dem Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre und der Machtergreifung der NSDAP in Deutschland. Die Dekonstruktion des „Europa-Bildes“ aus einer weiblichen Perspektive steht im Fokus des Arbeitsvorhabens von Aikaterini Gegisian. In diesem Sinne wird sie sich mit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen US-amerikanischen Wochenschauen sowie von der US-Regierung im Autrag gegebenen Dokumentarfilmen beschäftigen, die die Ideen und historischen Vorgänge der Etablierung eines „Vereinigten“ Europas darstellten. Riccardo Giacconi schließlich wird an einem langfristig angelegten Recherchevorhaben über das Verhältnis zwischen Städteplanung und Medienmacht arbeiten. Als Fallbeispiel möchte er sich auf ein urbanistisches Projekt der 1970er Jahre in Italien konzentrieren, auf die Wohnanlage Milano 2, die von Silvio Berlusconi als eine Gated Community mit integriertem Kabelfernsehen für eine neureiche, damals aufstrebende Mittelklasse am Rande der bestehenden Stadt konzipiert wurde.

Die künstlerischen Recherchen sowie die Entwicklungs- und Produktionsprozesse werden, wie jedes Jahr, von einem abwechslungsreichen öffentlichen Veranstaltungsprogramm begleitet, das von den Fellows vorgeschlagen und in enger Kooperation mit ihnen durchgeführt wird. So geht am Samstag 10. November um 09:30 Uhr im Rahmen der Innsbrucker Premierentage 2018 ein Matineé mit Angela Anderson und Michael Baers über die Bühne. Weitere Veranstaltungen der Fellows werden planmäßig in den ab heuer neu eingeführten “Fokuswochen” im Jänner (14. – 25. Jänner 2019) sowie im März (18. – 30. März 2019) stattfinden.

Am 22. Mai 2018, kurz vor Ende des Fellowship-Jahres 2017-18, ist unser Fellow Jan Sieber infolge einer kurzen, schweren Krankheit verstorben. Jan war ein besonders talentierter, junger Theoretiker, dem gewiss eine vielversprechende Karrierre bevorgestanden wäre. Im Rahmen des Fellowship-Programms hatte er ein Symposium zu seinem aktuellen Forschungsschwerpunkt über Kunst und die kapitalistische Ökonomie des Begehrens geplant. In Erinnerung an ihn und seine unvollendete Arbeit werden wir gemeinsam mit dem Philosophen Samo Tomšić, mit dem Jan in engem wissenschaftlichen Austasch stand, am Dienstag 22. Jänner 2019 im Künstlerhaus Büchsenhausen dieses Symposium nachholen.

Im Rahmen des Fellowship-Programms geht das Künstlerhaus Büchsenhausen punktuell auch Kooperationen mit anderen Institutionen und Initiativen in der Region ein, die in gemeinsame Veranstaltungen und Projekte münden. So auch am Donnerstag 6. Dezember 2018, wenn in Kooperation mit dem Arbeitskreis Globales Lernen von Südwind Tirol im Künstlerhaus ein Film- und Gesprächsabend stattfinden wird. Im Mittelpunkt steht der dokumentarische Film Widerklang der Seele von Eric Bayala, der die Weltmusik-Szene sowie viele in Tirol lebende Musiker_innen mit Migrationshintergrund portraitiert. Nach der Vorführung wird eine Diskussion mit dem Regisseur sowie der Anthropologin Birgit Englert (Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien) stattfinden.

Aktuelle Details zu Inhalten und Terminen finden sich in den kommenden Monaten hier auf unserer Website.

Wir wünschen Ihnen spannende und aufschlussreiche Erfahrungen mit dem Fellowship-Programm des Künstlerhauses Büchsenhausen!

Mit besten Grüßen
Andrei Siclodi
Programmleiter