Identität ist Ungewissheit

Über die soziohistorische Konstitution der Gegenwart

Plakat-Gestaltung: Annette Sonnewend

Identität ist Ungewissheit
Über die soziohistorische Konstitution der Gegenwart

Anna Dasović · KURS (Miloš Miletić und Mirjana Radovanović) · Lena Ditte Nissen · Airi Triisberg

Eine Ausstellung im Rahmen des Fellowship-Programms für Kunst & Theorie 2019-20
kuratiert von Andrei Siclodi

Ausstellungsdauer: 14. 10. 2019 – 23. 01. 2020

Öffnungszeiten: Di, Mi 14:00 – 17:00 | Do 10:00 – 17:00 und nach Vereinbarung.

Geschlossen: 31. Oktober 2019, 21. November 2019, 20. Dezember 2019 – 5. Jänner 2020

Die Ausstellung Identität ist Ungewissheit. Über die soziohistorische Konstitution der Gegenwart präsentiert aktuelle Arbeiten der Fellows, die im Zusammenhang ihrer jeweiligen Vorhaben in Büchsenhausen betrachtet werden. Der Titel der Ausstellung evoziert bewusst den Wortlaut eines Fachbuchtitels – eines Buches jedoch, das weder existiert noch in Planung ist. Er soll vielmehr den diskursiven Anspruch einer gesellschaftskritisch konnotierten künstlerischen Praxis unterstreichen, die gängige Deutungen politischer Begriffe hinterfragt und damit auch neue Erkenntniswege eröffnet, die zu einem veränderten Verständnis unserer Gegenwart beitragen.

In diesem Sinne liefert die momentan allgegenwärtige Renaissance nationalistischer Identitätspolitik, die historisch mit dem Erstarken gesellschaftlicher Radikalisierung und Ausgrenzung gegenüber den „Anderen“ untrennbar verbunden ist, das Hintergrundsrauschen der Ausstellung, in der die Fellowship-Teilnehmer_innen aktuelle Arbeiten zeigen, die einen Ausblick auf ihre Vorhaben in den kommenden Monaten beispielhaft ermöglichen:

 

Anna Dasović: Re: So, on behalf of my country and from the bottom of my heart, 2019, text-based work, video 11’.
Anna Dasović: Before the Fall there was no Fall, 2019, text-based work, video.

Am 11. Juli 2015 nahm Anna DASOVIĆ an der Beerdigung von 136 Menschen in Potočari teil, einer Stadt in der Republika Srpska, Bosnien und Herzegowina. Dies ist eine jährliche Veranstaltung zum Gedenken an den Völkermord in Srebrenica im Juli 1995, bei der die menschlichen Überreste aus Massengräbern, die im Laufe des Vorjahres ausgegraben wurden, beerdigt werden. Es ist eine jährlich im Fernsehen übertragene Massenbestattung – wie die Künstlerin vermutet, möglicherweise die einzige weltweit.

In 2015 markierte die Versammlung auch das 20jährige Gedenken an den Völkermord. Anna Dasovićs Arbeit So, on behalf of my country and from the bottom of my heart (dt. Also, im Namen meines Landes und von ganzem Herzen) vereint Bilder von der Bestattung aus Nachrichtenmedien, aus dem Internet sowie Videoaufzeichnungen, die die Künstlerin selbst mit ihrem Handy aufgenommen hat. Die Montage zeichnet die Rhetorik und die Bewegungen der anwesenden Bill Clinton und Aleksander Vučić, des Premierministers Serbiens im Jahr 2015, der 1995 jedoch Mitglied der ultranationalistischen serbischen SRS-Partei war und sich bis heute weigert, den Völkermord öffentlich anzuerkennen. Clintons narrativer Rahmen der Erinnerung an die Opfer reproduzierte den Blick des Völkermord-Täters und forderte das Publikum auf, die Anwesenheit von Vučić bei der Beerdigungszeremonie zu schätzen. Eine seiner wiederholten verletzenden Behauptungen, die als emotionaler Ausrutscher interpretiert wurde, war, dass sich die Menschen in Srebrenica für eine Sache, also nicht umsonst, töten ließen. Der darauffolgende Massenprotest wurde von den Sicherheitskräften und der Reaktion eines muslimischen Gemeindeführers unterdrückt, der die Menschen aufforderte, sich weiterhin auf den Trauerprozess zu konzentrieren. Verwandte, die an den jährlichen Begräbnisversammlungen teilnehmen – viele von ihnen Überlebende des Massakers – erfuhren eine Einschränkung ihrer Möglichkeit, politische Meinungsverschiedenheit zu artikulieren sowie eine Marginalisierung ihrer Trauer.

Anna Dasovićs Installation verbindet dieses Video mit einer dreiteiligen Textarbeit, der das Skript des Vortrags von Bill Clinton in Potočari zugrunde liegt. Die Textvorlage erfährt dabei eine mehrfache Überarbeitung: als korrigierender Perspektivenwechsel auf die Ereignisse, als zorngeladener Kommentar, als Textauslöschung bis auf den der Arbeit Titel gebenden Satz.

In einer zweiten Arbeit gibt die Künstlerin einen ersten direkten Einblick in ihr Vorhaben für Büchsenhausen. Hier konzentriert sie sich auf die verschiedenen Darstellungen des (ethnisch) „Anderen” zur Zeit der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren, während die westliche Politik das Bild eines „zivilisierten Europas” produzierte. Im Mittelpunkt des Interesses steht eine Sammlung von VHS-Kassetten, die Dasović 2014 in einem öffentlichen nicht zugänglichen Archiv des niederländischen Verteidigungsministeriums entdeckte. Die Videos dokumentieren militärische Übungen niederländischer UN-Bataillone vor ihrem Einsatz in der von den Vereinten Nationen als Sicherheitsbereich Srebrenica eingerichteten Zone von 1994–95.

In der Ausstellung ist ein kurzer Ausschnitt aus einem dieser Videos zu sehen, in Verbindung mit Benimm- und Verhaltensinstruktionen für die niederländischen UN-Soldaten, die in Bosnien-Herzegowina stationiert waren. Die selbstreinigende Tätigkeit des Soldaten im Video korreliert auf subtile Weise mit dem Benimmtext und laviert, angesichts des im Text teils grotesk wirkende Weltbild, im dichotomen Spannungsfeld zwischen blinder Ausführung und erlösender Erwachung.

 

Airi Triisberg: Yes to Freedom, No to Lies , 2019, photo by Patrik Tamm, Tallinn.

Airi TRIISBERG beschäftigt sich in Büchsenhausen mit aktivistischen Biografien in Osteuropa. Das Rechercheprojekt beabsichtigt, soziale Bewegungen in der Region, mit einem besonderen Fokus auf die baltischen Staaten, zu dokumentieren, zu kontextualisieren und zu analysieren. Dazu wird eine Vielzahl von politischen Organisator_innen interviewt, die in politischen Bewegungen aktiv sind und oft auch an der Schnittstelle von Wissensproduktion, Kunst und Kultur arbeiten. Die Forschungsteilnehmer_innen sind in dem breiten Spektrum von Initiativen für mehr soziale Gerechtigkeit aktiv, unter anderem in queeren/feministischen Organisationen, Arbeitskämpfen, antirassistischer Politik und ökologischen Bewegungen.

In der Ausstellung präsentiert Airi Triisberg eine aktuelle Episode aus dem aktivistischen Kampf gegen die nun auch in den baltischen Ländern aufkommenden Rechtsparteien:

31. März 2019, Tallinn. Dieses Foto von Patrik Tamm zeigt eine Demonstration, die aus Protest gegen die Aufnahme der rechtsextremen Partei in die estnische Regierung organisiert wurde. Die Demo wurde von einer breiten Basiskoalition organisiert und von etwa 900 Personen besucht, was in Estland einer mittelgroßen Demonstration entspricht. Um die Demonstration etwas größer wirken zu lassen, haben sich die Organisator_innen bemüht, Schilder und Banner zu erstellen. Die Schilder wurden gemeinsam in Workshops produziert. Die Demo zeichnete sich durch eine einzigartige, visuelle Fülle aus.

In den darauffolgenden Tagen kam es jedoch zu einer hitzigen Debatte über die visuelle Politik der Demonstration. Das Hauptthema der Kontroverse war die Kombination aus roten Bannern und rosa Fahnen in den vorderen Reihen der Demonstration. Der Text auf dem roten Banner lautet: „Wir haben auch rote Linien“. Dieser Satz bezieht sich auf eine Rede der Vorsitzenden der neoliberalen Reformpartei in der Nacht der Parlamentswahlen am 3. März. Als bekannt wurde, dass die Reformpartei die meisten Stimmen erhielt, sah sich die Parteivorsitzende bereits in der Rolle der zukünftigen Premierministerin. In ersten Gesprächen mit der Presse erklärte sie, dass ihre Partei noch vor Koalitionsgesprächen die Anzahl der „roten Linien“ in Bezug auf jeden potenziellen Regierungspartner abschätzen müsse. Eine Woche später schlossen die zwei wichtigsten möglichen Koalitionspartner die Reformpartei vom Verhandlungsprozess aus und luden die rechtspopulistische konservative Volkspartei ein, Teil der künftigen Regierung zu werden. Im Laufe des Regierungsbildungsprozesses wurde der Begriff „rote Linien“ zu einem weit verbreiteten Schlagwort, das sich auf die konfliktreiche politische Situation bezog.

Am 31. März, wenige Stunden nach Beendigung der Demonstration, veröffentlichte die extreme Rechte in den sozialen Netzwerken ein Meme bestehend aus zwei nebeneinander stehenden Bildern: Das Erste zeigte eine historische Aufnahme aus der Sowjetzeit – einen Marsch mit roten Bannern und roten Fahnen. Das Zweite zeigte ein farbmanipuliertes Foto von der Nachmittagsdemonstration, auf dem alle rosafarbigen Fahnen nun ebenfalls rot aussahen.

In den folgenden Tagen wurde die „rote“ Spitze der Demonstration zu einem Diskussionsthema in den Sozialen Netzwerken. Dass der Kontext der „roten Linien“ im Sinne einer ironischen Paraphrase der Worte einer neoliberalen Politikerin gemeint worden war, wurde vollkommen ignoriert – folglich war man sich weitgehend einig, dass die Verwendung rotfarbiger Elemente ein großer Fehler gewesen war. Viele Anhänger_innen der Demo äußerten ihr Unbehagen und stellten die Frage, ob die Linke diese scheinbar liberale zivile Initiative an sich gerissen hatte. Nachdem wiederholt klargestellt wurde, dass die Flaggen der queer-feministischen Initiativen Ladyfest und Feministeerium tatsächlich rosa sind, wurde den Feminist_innen vorgeschlagen die Verwendung dieser Farbe zu überdenken, da Rosa zu sehr Rot ähnelte.

Einige Teilnehmer_innen kamen ohne Nationalflagge zur Demonstration und bedauerten, dass auch andere keine mitgebracht hatten. Um die Unterstützer_innen nicht zu verärgern, erklärten die Organisator_innen, dass das rote Banner durch einen unglücklichen Zufall an der Spitze der Demo gelandet sei – niemand hätte daran gedacht, das weiße Banner mit dem offiziellen Motto „Ja zur Freiheit, Nein zu Lügen“ mitzubringen, deshalb wäre das rote Banner im Chaos des Augenblicks als Ersatz verwendet worden.

Als Reaktion auf die Kontroverse um die Farbe rot sind bei den Folgedemonstrationen gegen die derzeitige Regierung seitdem immer Nationalflaggen zu sehen. Möglicherweise war dieser Vorfall das erste und zugleich das letzte Mal seit dem Zerfall der Sowjetunion, dass ein roter Stoff bei einer Demonstration in Tallinn eine derart zentrale Rolle gespielt hat.

 

KURS (Miloš Miletić und Mirjana Radovanović): Lessons in Defense. Visual notes from the Liberation Movement, 2019, 5 einfärbige Linolschnitte.

Miloš MILETIĆ und Mirjana RADOVANOVIĆ alias KURS arbeiten in Büchsenhausen an einer künstlerischen Konkretisierung der archivarischen Recherche Lessons in Defense, in deren Mittelpunkt spezifische Aspekte der Entwicklung von Kultur und Kulturpolitik innerhalb der Volksbefreiungsbewegung (PLM) auf dem Territorium Jugoslawiens während des Zweiten Weltkriegs stehen. Die Recherche folgt mehreren Fallstudien und führte bereits zur Veröffentlichung von zwei Büchern. Im Fokus standen dabei Schlüsselphasen der Entwicklung der kulturellen Aktivitäten des PLM sowie antagonistische Positionen seiner Protagonist_innen. Sie verfolgten eine doppelte Zielsetzung: Einerseits wollten KURS anhand des Archivmaterials nachvollziehen, wie sich die Partisan_innenkultur in Kriegszeiten entwickeln konnte, andererseits eruieren, warum die kulturelle und künstlerische Praxis für das PLM so wichtig war.

Der slowenische Philosoph Rastko Močnik stellt dabei fest, dass die Partisan_innenkultur die Menschen in einem antifaschistischen Kampf zusammenbrachte und gleichzeitig neue soziale Verhältnisse schuf. Die Partisan_innenbewegung war also nicht nur eine Form von Faschismusbekämpfung. Indem sie neue Verhältnisse ermöglichte, förderte sie in spezifischer Weise eine gesellschaftliche Entwicklung, die inhärent nach einer anderen Stellung von Kultur verlangte.

Bei der Verarbeitung von Archivdaten möchten KURS sich während der Fellowship in Büchsenhausen auf Fälle und Prozesse konzentrieren, die mit den heutigen sozialen und politischen Herausforderungen in Verbindung gebracht werden können. Diesbezüglich werden sie historische Praktiken der Avantgarde reflektieren und im Zuge dessen Aspekte ansprechen, die für die heutige europäische Gesellschaft als relevant erscheinen: Welchen Stellenwert kann der revolutionäre Kampf und die revolutionäre Kultur der Volksbefreiungsbewegung heute einnehmen, insbesondere im Kontext des ehemaligen Jugoslawiens, aber auch Europas im Allgemeinen, angesichts des steigenden Zuspruchs, den die extreme Rechte derzeit hier erlebt? Was können wir aus den Erfahrungen bei dem Zusammenschluss der Kulturarbeiter_innen innerhalb der antifaschistischen Bewegung lernen und könnten ihre Modelle heute erneut Geltung erlangen? Können wir die praktischen Erfahrungen jener Zeit in unserem künstlerischen Prozess produktiv anwenden? Und schließlich die unvermeidliche Frage, die unsere Position in der kulturellen und künstlerischen Szene weitgehend bestimmt: Welche Rolle kann Kunst in sozialen und politischen Kämpfen einnehmen?

In der Ausstellung zeigen KURS fünf Linolschnitte, die Bilder aus dem recherchierten Fundus druckgrafisch reproduzieren. Zu jedem Bild gehört eine schriftliche in-situ-Erklärung, die den jeweiligen soziopolitischen Kontext erläutert.

 

Lena Ditte Nissen: There Is (org. German title: Es Gibt), 2019, experimental short film, 20 min.

Mit Reflexive Alliance arbeitet Lena Ditte NISSEN während ihrer Fellowship in Büchsenhausen die Vergangenheit ihrer Familie auf. Sie geht darin Fragen nach generationenübergreifendem Trauma, Wissenstransfer und politischer, wie individueller Positionierung nach.

„Es ist diese Furcht zu versteinern, wenn man über die eigene Schulter zurück in die Vergangenheit schaut“, stellte W.G. Sebald in seiner literarischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung fest. Lena Ditte Nissen stellt sich dieser Furcht. Der Blick über ihre Schulter fällt auf ihre Urgroßmutter, die Reichshebammenführerin war, und ihren Großonkel, der als Reichsgesundheitsführer bei den Nürnberger Prozessen angeklagt wurde. Ihre Großmutter zeichnet 1945 die Flucht der Familie vor den Alliierten auf und beschreibt die Sorge um die Familie und das Schicksal des Führers.

Dieses Fluchttagebuch bildet zusammen mit den Memoiren der Großmutter das Ausgangsmaterial für die Auseinandersetzung mit der Nazigeschichte der eigenen Familie. Lena Ditte Nissen hat sich gegen eine individuelle oder isolierte Verarbeitung der Texte entschieden und eine besondere Form der kollektiven Analyse und Bewältigung gewählt: Die Künstlerin wendet die in den 1990ern von der Schweizer Kulturanthropologin und Psychoanalytikerin Prof. Dr. Maya Nadig für Verhaltensforscher_innen entwickelte Methode der Deutungswerkstatt an. Eine divers zusammengesetzte Gruppe von Akteur_innen liest, diskutiert und analysiert gemeinsam die Textpassagen in selbstreflexiven Gesprächen. Diese Methode kontextualisiert das Ausgangsmaterial – die persönlichen Aufzeichnungen der Großmutter – und berücksichtigt die ganz persönlichen, sozialen und kulturellen Hintergründe der Protagonisten der Deutungswerkstatt. Unbewusste Dynamiken und das subjektive Erleben der Forscher_innen und Akteure_innen werden bewusst in diesen Prozess miteinbezogen und geben wertvolle psychoanalytische Rückschlüsse. Die gruppenbasierten Analysesitzungen werden von der Künstlerin dokumentiert und von Dr. Jochen Bonz geleitet, der mit Prof. Dr. Maya Nadig zusammenarbeitete und derzeit der einzige Forscher ist, der die Methode der Deutungswerkstatt im deutschsprachigen Raum durchführt.

„In der aktuellen politischen Situation eines zunehmenden Nationalismus in Deutschland und Europa will ich meine Möglichkeiten nutzen, um diese Entwicklung zu kommentieren und mich öffentlich und künstlerisch klar zu positionieren. Ich will mit meiner Arbeit argumentieren und sie als Diskussionsgrundlage nutzen“, sagt Lena Ditte Nissen. 2018 begann sie sich in Arbeiten wie There Is und Questions Without Answers mit generationsübergreifendem Transfer von Wissen und Erinnerung intensiv zu beschäftigen. Im Rahmen der Büchsenhausen-Fellowship dringt Lena Ditte Nissen tiefer in die eigene Vergangenheit ein und stellt sich Fragen nach Identität und familiärem Trauma.

(Text zu Lena Ditte Nissen: Anne Mager)

In der Ausstellung zeigt Lena Ditte Nissen Fragmente aus dem noch in Entstehung befindlichen experimentellen Kurzfilm Es Gibt über die deutsche Künstlerin und Filmemacherin Margaret Raspé (*1933). Raspés Leben und Werk liefern das spannende Beispiel einer Künstlerinbiografie der Nachkriegszeit, die mit einer NS-Sozialisierung beginnt und über eine Karriere als avantgardistische Filmemacherin und alleinstehende dreifache Mutter verläuft. Anfang der 1970er Jahre erfand Raspé den „Kamerahelm“ und drehte damit eine beeindruckende Serie an Filmen. Ihre Freundschaft mit Künstler_innen und Filmemacher_innen, die sie in West-Berlin kennenlernte (wie die Wiener Aktionisten, Joan Jonas, Peter Kubelka u.a.), prägte ihr Leben und Werk. Alleinstehende Mutter von drei Kindern, viel Körperarbeit (Yoga und Eutonie) und Obertongesang sowie das Arbeiten und Leben zwischen Berlin Zehlendorf und Karpathos, Griechenland, hatten einen großen Einfluss auf ihr Denken und ihre Kunstpraxis. Raspés Werk hat in den letzten Jahren wieder Anerkennung gefunden. Ihre Filme wurden unter anderem in einem Retrospektivprogramm auf der Arsenale in Berlin gezeigt. Margarets Film Let Them Swing aus der Kamera-Helm-Serie war Teil des Sonderprogramms zum Thema Feministischer Film auf der Berlinale 2019. Ihre Filme werden von der Deutschen Kinematek archiviert.

Dieser Film ist eine Reflexion über die drei Wochen, die Lena Ditte Nissen und Margaret Raspé im Sommer 2018 gemeinsam in Raspés Haus in Karpathos, Griechenland, verbracht haben. Im Mittelpunkt steht das Thema Automatismus, das in ihrem künstlerischen Denken eine wichtige Rolle spielt.

Anna DASOVIĆs künstlerische Praxis konzentriert sich auf rhetorische Strukturen, die völkermörderische Gewalt sichtbar machen, die aber auch eingesetzt werden, um politisch unangenehme Aspekte solcher Konflikte zu verdecken. Sie fragt: An welchen ideologischen Narrativen nehmen Gewaltdarstellungen auf struktureller Ebene teil? Welche Formen von Trauma können solche Dokumente, die entweder im legislativen Bereich angesiedelt oder für das Archiv (hier im doppleten Sinn eines physischen Ortes aber auch als Metapher für kollektive Erniedrigung und Reue) konstitutiv sind, nicht bewältigen? Dasović hat Fotografie studiert, ihre Installationen und Videos weisen eine dementsprechende formale Präzision auf – heute arbeitet sie jedoch weitgehend interdisziplinär. Ihre Methodik schließt dabei Archiv- und Feldforschung, Interviews sowie bibliographische Recherche ein.

2017-2018 war Dasović Resident Artist an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Sie ist Mitglied der Collection Collective, Template for a Future Model of Representation, einer Gruppe, die die gegenwärtige Krise der sammlungsbasierten Institutionen der zeitgenössischen Kunst untersucht und Potenziale in einem Modell der (Kunst-)Sammlung identifiziert, das gleichzeitig von Künstler_innen und anderen Kulturschaffenden zusammengestellt, besessen und betrieben wird. Ihre Arbeiten wurden an international bedeutenden Institutionen gezeigt, darunter in der Bergen Assembly, im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, im Stedelijk Museum Bureau Amsterdam (SMBA), im Museum für moderne und zeitgenössische Kunst (MAMA) Algier, im Van Abbemuseum in Eindhoven, im Museum für jugoslawische Geschichte in Belgrad und im Niederländischen Photomuseum in Rotterdam. Zuvor war sie unter anderem Artist in Residence bei MAMA Algiers, Celeia Zentrum für zeitgenössische Kunst Celje Slowenien, Casa Tres Patios in Medellín und Residencia en La Tierra in Montenegro Kolumbien.

www.annadasovic.com

Miloš MILETIĆ und Mirjana RADOVANOVIĆ arbeiten gemeinsam an künstlerischen und forschungsbasierten Projekten unter dem Gruppennamen KURS. Darin erkunden sie, wie künstlerische Praxis zu verschiedenen sozialen Bewegungen beitragen und deren integraler Bestandteil werden kann. Ausgangspunkte hierfür sind oftmals Archivmaterialien, die sie mit revolutionärer Poesie und Prosa vermengen und einer Bildsprache progressiver Bewegungen aus der Vergangenheit unterziehen. Daraus entstehen meist Wandmalereien, Illustrationen und verschiedene Drucksachen wie Zeitungen, Poster oder Grafiken. Die so produzierten Inhalte sollten einem didaktischen Impetus folgen und dadurch für die breite Öffentlichkeit zugänglich und nachvollziehbar sein.

Projekte, die KURS in den letzten Jahren realisierte, sind unter anderem: die Recherche Lessons in Defense, die 2016 und 2017 über kulturelle Aktivitäten innerhalb der Volksbefreiungsbewegung durchgeführt wurde; die Wandmalerei Solidarity — to the International Brigades, in Belgrad, die dem 80. Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden gewidmet wurde; die Wandmalerei Struggle, Knowledge, Equality, in Belgrad, anlässlich des Studententages, die Wandmalerei 20th October, anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung Belgrads; die Wandmalerei Factory to the Workers, in der Itas-Prvomajska Fabrik in Ivanec, Kroation, als Teil des 13. Urban Festivals; ein Aufenthalt in Chile, in der AIR Casa Poli; Teilnahme an dem Persona Non Grata-Programm in Ankara, organisiert vom AsiKeçi Kollektiv; sowie die Wandmalerei What Do We Know About Solidarity während der Qalandiya Biennale 2018 in Palästina.

www.udruzenjekurs.org

Die dänisch-deutsche Künstlerin und Filmemacherin Lena Ditte NISSEN (1987 *, München) studierte Film und Medienkunst an der Kunsthochschule für Medien Köln, der Universidad Nacional de Colombia und der Kunstakademie Düsseldorf. Ihre Filme, Performances und Installationen wurden international an Institutionen und auf Filmfestivals gezeigt, unter anderem am Museo de Arte Moderno in Rio de Janeiro, Bundeskunsthalle Bonn, Heidelberger Kunstverein, Museo de la Banco República Bogotá, ACUD MACHT NEU in Berlin, Filmmuseen in Frankfurt und Düsseldorf, KAI10|Arthena Foundation, Rubenstein Art Centre, CCA Centre for Contemporary Art Tbilisi, internationale Filmfestivals Edinburgh und Belo Horizonte, CPH:DOX in Kopenhagen, WNDX Festival of Moving Image, 25FPS Zagreb, Festival de nouveau cinéma Montréal, Anthology Film Archive NYC. Sie hatte Künstler-Residenzen bei SOMA Mexico, LIGHT CONE in Paris und lugar a dudas in Cali, Kolumbien.

Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit kuratiert Nissen seit 2013 auch Film- und Videoprogramme, die beispielsweise in der Cinemateca Nacional de Colombia und der Messe FAR OFF für zeitgenössische Kunst in Köln gezeigt wurden. 2018 erhielt sie zusammen mit Alisa Berger, mit der sie im Künstlerduo bergernissen arbeitet, das Atelierstipendium des Bonner Kunstvereins.

lenadittenissen.com

Airi TRIISBERG ist eine unabhängige Kuratorin, Autorin und Pädagogin mit Sitz in Tallinn. Ihr Interesse gilt Themen wie Gender und Sexualität, Krankheit/Gesundheit und Un/fähigkeiten, Selbstorganisation und kollektive Fürsorgepraktiken sowie dem Kampf gegen prekäre Arbeitsbedingungen im Kunstbereich und darüber hinaus. Ihre Praxis operiert meist an der Schnittstelle zwischen politischer Bildung, Selbstorganisation und Wissensproduktion. Eines ihrer andauernden Forschungsinteressen konzentriert sich auf historische und gegenwärtige Momente, in denen die Erfahrungen eines Lebens mit Krankheit oder Beeinträchtigung im Dienste einer sozialkritischen Artikulation politisiert wurden. 2015 kuratierte sie Get Well Soon!, eine Ausstellung, in der soziale Imaginationen, die in den radikalen Bewegungen der 1970er Jahre wurzeln, künstlerischen Iterationen unterzogen wurden. 2010-2012 war Triisberg aktives Mitglied der Kunstarbeiterbewegung in Tallinn. 2015 veröffentlichte sie gemeinsam mit Minna Henriksson und Erik Krikortz das Buch Art Workers – Material Conditions and Labour Struggles in Contemporary Art Practice.

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at