Hori Izhaki

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Erinnerungskultur ist im heutigen Europa zu einem intensiv diskutierten Phänomen geworden. Mit der Diversifizierung der Gesellschaften werden etablierte Erinnerungspraktiken in Frage gestellt. In Anerkennung dieser Tatsache und als Ausdruck der Notwendigkeit, sich Homogenisierung zu widersetzen, fordern Konzepte wie das der „multidirektionalen Erinnerung“ (Michael Rothberg) eine Koexistenz der Narrative im Interesse einer nach Inklusion strebenden Gesellschaft.

Geboren und aufgewachsen in Israel in einer arabisch-jüdischen Familie mit Wurzeln in Marokko und im Irak, hatte ich mein Leben lang mit Fragen der Erinnerung zu kämpfen. Als ich aufwuchs, wurde mir weder gesagt, dass ich Araberin bin, noch wurde die Geschichte meiner Vorfahr:innen in der Schule gelehrt oder war sie Teil des Allgemeinwissens. Um jüdische Israeli:nnen zu sein, integrierten arabische Jüd:innen wie ich ihr eigenes Selbst in den Holocaust und betraten eine virtuelle Erinnerung, in der sie Teil der gemeinsamen Geschichte des Landes der Überlebenden waren. Da die Araber:innen der Feind waren, gab es für arabische Jüd:innen und ihre Geschichte keinen Platz im nationalen Narrativ Israels.

Nun lebe ich in Europa und werde durch gesellschaftliche Framings dazu eingeladen, meine virtuellen, jüdisch-europäischen Wurzeln zu performen. Hier werde ich nicht als Araberin, sondern als Israelin willkommen geheißen – eine modifizierte/gelöschte Araberin, die aufgrund ihres Geburtslands Wurzeln in der europäischen Geschichte erhielt. Dank Israel kann ich nach Deutschland, Österreich und Europa – in die „Heimat“ einer virtuellen Persona – reisen, dort arbeiten und leben, während ich im Irak, dem Herkunftsland meines Vaters, nicht willkommen bin. Aber so sehr ich auch kulturell modifiziert bin – mein Gesicht, meine Haut und meine Haare wurden nicht verändert. Auf den ersten Blick, noch bevor ich meine Persona artikuliere, werde ich nicht als jüdisch-israelische Araberin wahrgenommen, sondern bin einfach eine Araberin. So erhalte ich gelegentlich einen Einblick in das, was es bedeutet, ein:e Araber:in in Europa zu sein. Die Frage nach der Bedeutung des Arabisch-Seins im heutigen Europa umfasst daher eine breitere Dimension meines Themas.

In meinem Projekt werde ich diese generationsübergreifenden und multilokalen Dynamiken näher beleuchten und versuchen, die Idee der implantierten Erinnerung durch die Herstellung einer Schnittstelle zwischen Technologie, Memorialisierung und Natur zu veranschaulichen. Mit einer Vielzahl von Medien wird die natürliche Umgebung meiner verschiedenen Erinnerungen – die des (alpinen) Europas und des Nahen Ostens – miteinbezogen. Die Schnittstelle dient dabei als Werkzeug zur Erforschung der Beziehung zwischen diversen bis homogenisierten Kulturen und hebt aktuelle Technologien hervor, die – wie die Erinnerung selbst – die Grenzen von Realität und Wahrheit verschieben.

Text: Hori Izhaki

Hori Izhaki ist eine multidisziplinäre Künstlerin aus Tel Aviv-Jaffa, die in Berlin lebt und arbeitet. Ihre skulpturale Praxis, Performances und partizipatorischen Installationen beinhalten ortsspezifische, kontextbezogene Live-Interaktionen im Schnittfeld zwischen dem Natürlichen, dem Technologischen und dem Symbolischen.
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