Identität ist Ungewissheit #2

Identität ist Ungewissheit #2 Foto: Daniel Jarosch / Künstlerhaus Büchsenhausen

Die Ausstellung Identität ist Ungewissheit #2: ‹Trauma›‹Kunst›‹Aktivismus›‹Revolution› zeigt neue, in Innsbruck entwickelte Arbeiten der Teilnehmer:innen am Fellowship-Programm für Kunst und Theorie im Künstlerhaus Büchsenhausen 2019–20. In ihren jeweiligen Arbeitsvorhaben beschäftigten sich Anna DASOVIĆ, KURS (Miloš Miletić und Mirjana Radovanović), Lena Ditte NISSEN und Airi TRIISBERG unter anderem mit bestimmten Identitätskonstruktionen, die für unsere Gegenwart von konstitutiver Bedeutung sind. Die Fundamente dieser Identitätskonstruktionen liegen im Humus (post)nationalsozialistischer sowie (post)kommunistischer Geschichtsereignisse: Die militärische Konstruktion des „Anderen” im Zuge der UN-Präsenz während der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren, aktivistische Biografien in Osteuropa nach dem Mauerfall, aber auch die nationalsozialistische Ideologie und deren subkutane Persistenz bis heute, sowie ihr kommunistischer Widerpart in Jugoslawien, die Partisan:innen-Bewegung und deren Kultur, waren Themenfelder, auf denen sich die künstlerischen und theoretischen Arbeitsvorhaben der Fellows entfalteten.

Wie die Nummerierung suggeriert, ist diese Ausstellung der zweite Teil der Auseinandersetzung mit den oben aufgelisteten Themen. Identität ist Ungewissheit #1: Über die soziohistorische Konstitution der Gegenwart, die im Herbst/Winter 2019-20 im Künstlerhaus Büchsenhausen zu sehen war, evozierte im Untertitel bewusst den Wortlaut eines Fachbuchtitels – eines Buches jedoch, das weder existierte noch in Planung befindlich war. Er sollte vielmehr den diskursiven Anspruch einer gesellschaftskritisch konnotierten künstlerischen Praxis unterstreichen, die gängige Deutungen politischer Begriffe hinterfragt und damit auch neue Erkenntniswege eröffnet, die zu einem veränderten Verständnis unserer Gegenwart beitragen.

Die aktuelle Ausstellung im Kunstpavillon verfolgt ebenso diesen diskursiven Anspruch, der sich diesmal im Spannungsfeld zwischen Überwindung und Neubeginn entfaltet, zwischen der produktiven Auseinandersetzung mit historisch nur scheinbar abgeschlossenen Vergangenheitsbewältigungsprozessen und dem Entwerfen möglicher Zukunftsszenarien, die auf die emanzipatorische Befreiung von vorherrschenden androzentristischen Hegemonien abzielen.

Gleich am Beginn der Ausstellung werden Besucher:innen in den Sog der Auseinandersetzung hereingezogen. Vor einer konkaven Wand, auf der die Aufnahme eines großen Stuhlkreises zu sehen ist), zeigt die Dreikanal-Videoinstallation Nehmt es, wie es ist von Lena Ditte Nissen zwei Frauen unterschiedlichen Alters, die gemeinsam beziehungsweise jeweils einzeln das Publikum ansprechen. Was sie sagen hört man zunächst nicht, nur der jeweilige Blick in die Augen der Betrachter:innen verraten die Direktheit ihrer Ansprache. Setzt frau/man die Köpfhörer auf, wird frau/man Zeug:in einer szenischen Aufführung, die sich offenkundig mit den Erinnerungen einer dem nationalsozialistischen Gedankengut verpflichteten Frau auseinandersetzt. Im Mittelpunkt stehen die Memoiren der Großmutter von Lena Ditte Nissen, die in den 1960er Jahren für die eigene Familie verfasst wurden und eigentlich nie zur Veröffentlichung gedacht waren. Die Großmutter zeichnete darin die Flucht der Familie vor den Alliierten im Jahr 1945 auf und beschrieb die Sorge um die Familie und das Schicksal des Führers.

„NEHMT ES WIE ES IST, dieser Satz stammt aus den Memoiren meiner Großmutter“, schreibt Lena Ditte Nissen. „Doch ich werde dieser Aufforderung nicht Folge leisten. Im Gegenteil. Ich habe mich entschieden, diese Memoiren zu nehmen, sie zu lesen, sie mit anderen zu teilen, sie analysierend auseinander zunehmen und sie eben unter gar keinen Umständen so zu nehmen, wie sie sind. Meine Großmutter war die Tochter der Reichshebammenführerin Nanna Conti und die Schwester des Reichsgesundheitsführers Leo Conti. Sie wurde 1902 in eine national und antisemitisch gesinnte Familie hineingeboren und machte sich schon als Jugendliche für nationalsozialistische Ideologien stark.

Warum schreibt jemand überhaupt Memoiren? Weil diese Person das Narrativ ihres Lebens bestimmen möchte, die Deutungshoheit behalten will? Weil man bestimmte Dinge mitteilen – und andere verschweigen möchte?

Auf der Suche nach dem Verschwiegenen habe ich eine Gruppe von Menschen eingeladen, die Memoiren unter Leitung eines Gruppenanalytikers in mehreren Sitzungen eingehend zu besprechen. Diese Gespräche bilden die mehrstimmige Grundlage für eine Reihe von künstlerischen Arbeiten, die sich aus heutiger Perspektive mit der Rolle von Frauen im Nationalsozialismus beschäftigen. Dabei geht es nicht um historische Aufarbeitung – das überlasse ich den Historiker:innen – vielmehr geht es mir darum, was passiert, wenn wir uns tatsächlich emotional auf diese Geschichten einlassen, was dieses Einlassen mit unserer Wahrnehmung der Gegenwart macht. Ich bin der Meinung: es muss persönlich werden.“

Diesem Credo entsprechend entfaltet sich die Narration in der Videoinstallation: Im Sinne einer probeweise generationsübergreifender Handlung, tragen die Schauspielerinnen gemeinsam Ausschnitte aus den Memoiren vor, während sie links und rechts jeweils in die Rollen von Kommentatorinnen schlüpfen: Aussagen der Workshopteilnehmer:innen mit dem Gruppenanalytiker fügen sich so zwischen den Berichten der Großmutter ein und verbildlichen die gleichermaßen fragile und nach wie vor unvermeidliche Notwendigkeit einer vorbehaltlosen Auseinandersetzung mit dem, was eine rechts-totalitäre Ideologie in jeder und jedem Einzelnen und von hier aus in der Gesellschaft als Ganzes zu bewirken vermag.

Von der rechten Historie zum linken Partisan:innenkampf: KURS (Mirjana Radovanović und Miloš Miletić) präsentieren im linken Flügel des Kunstpavillons unter dem Titel Lessons on Defense eine Reihe von Grafikarbeiten, die im Kontext der gleichnamigen Studie über die kulturellen Praktiken sowie den Stellenwert von Kultur innerhalb der jugoslawischen Partisan:innenbewegung während des Zweiten Weltkriegs entstanden. Diese Studie wurde bereits in den Jahren 2016 und 2017 durchgeführt, ihre Ergebnisse waren bisher jedoch nur in serbischer Sprache veröffentlicht. Im Rahmen des Fellowship-Programms in Büchsenhausen überarbeiteten Radovanović und Miletić ihren Text und bereiteten es für eine internationale Leser:innenschaft auf – diese Version wurde schließlich ins Englische übersetzt und mit zusätzlicher (erneuter) Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der Buchreihe Büchs‘n‘Books – Art and Knowledge Production in Context veröffentlicht.

Doch warum sollte man sich im Jahr 2020 mit einem Themenfeld beschäftigen, das auf den ersten Blick als rein historisch erscheint und daher allenfalls fachspezifisch interessierten Forscher:innen als relevant erscheinen mag? Radovanović und Miletić argumentieren mit der potenziellen Aktualität der Erkenntnisse, die man aus den kulturellen Praktiken einer Zeit der Gefahr und Ungewissheit, die jedoch von einem starken Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung gekennzeichnet war, für die heutige Kunst- und Kulturproduktion ziehen kann. Denn auch wenn die Partisan:innenkultur das Ergebnis spezifischer historischer Umstände war, ließen sich, so KURS, damalige Praktiken auch heute produktiv anwenden, nicht zuletzt angesichts der revisionistischen Tendenzen, die in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien – aber gewiss auch anderswo in Europa und der Welt – Kultur unter dem Mantel der Alternativlosigkeit zu Kapitalismus als ein Mittel der Entpolitisierung antifaschistischer Bewegungen instrumentalisieren. Das imperative Potenzial einer solchen Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, die, wenn auch aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein nicht komplett ausgelöscht, doch gewiss stark marginalisiert wurde, birgt auch die Möglichkeit einer schärferen Wahrnehmung der Kommodifizierungsbestrebungen in sich, denen Kunstpraktiken gegenwärtig unterworfen werden, und dadurch die Entwicklung von Gegensteuerungsmaßnahmen.

In diesem Sinne sind die in der Ausstellung präsentierten Grafiken nicht nur als ästhetische Artefakte, sondern vielmehr als Visualisierungen von Inhalten, die in dem Buch behandelt werden, zu verstehen. Die Besucher:innen werden eingeladen, sich an den weißen Tisch zu setzen und beim Lesen des Buches in eine andere Zeit einzutauchen, in der es noch um den Überlebenskampf für eine neue, egalitäre und prosperierende gesellschaftliche Ordnung ging.

Im hinteren Raum des Kunstpavillons begegnet frau/man zwei Beiträgen, die im erweiterten Sinn als aktivistisch-analytisch beschrieben werden könnten. Während Anna Dasović die Spuren der unrühmlichen Präsenz und Taten der niederländischen UN-Friedenstruppen während des Genozids an die muslimische Bevölkerung in Srebrenica 1995 behandelt, stellt Airi Triisberg ihre Recherchen zu aktivistischen Biografien in Osteuropa in Form eines Tagebuchs öffentlich zur Verfügung.

Anna Dasović‘ Before the fall there was no fall ist ein künstlerisch-investigatives Langzeitprojekt, in dessen Mittelpunkt die Frage steht, wie europäische Geschichten des Kolonialismus sowohl westeuropäische, militarisierte Maskulinitäten produziert als auch die Beziehung des Kontinents zum (ethnisch) „Anderen“ und dessen Ästhetik geprägt haben.

Ausgangspunkt der Auseinandersetzung bildet eine Sammlung von rund hundert VHS-Kassetten, die Übungen des niederländischen Militärs während des Jugoslawienkrieges zur Vorbereitung der Friedensmissionen in den UN-Sicherheitszonen von Srebrenica, Bihać und in der Gemeinde von Sapna (1994–1995) dokumentieren. Die Übungen, die in den NATO-Camps in Deutschland und Belgien inszeniert wurden, schufen einen ideologischen Rahmen, der den Soldaten dazu verhelfen sollte, ihre Beziehungen mit den Menschen innerhalb der Sicherheitszonen zu reflektieren, aber auch mit denjenigen, die drohten, sie zu attackieren. Das niederländische Militär setzte zu diesem Zweck ehemals in Bosnien und Herzegowina stationierte Soldaten ein. Diese zu Schauspielern gewandelten Soldaten sollten einerseits Szenarien aus einem vorgegebenen Drehbuch proben, während sie gleichzeitig ihre Wahrnehmungen der Menschen, denen sie in Bosnien und Herzegowina begegnet waren, nachstellen und/oder reinszenieren mussten. Dieser Substitutionsvorgang bewirkte schließlich eine Verstärkung, wenn nicht gar Überzeichnung, der sozial konstruierten Repräsentationen des „Anderen“.

Die VHS-Kassetten lagen Jahrzehnte im Archiv des niederländischen Verteidigungsministerium. Unter Bezugnahme auf das niederländische Informationsfreiheitsgesetz bewirkte Dasović nach einem jahrelangen juristischen Tauziehen die Herausgabe dieser Bänder. Das Videomaterial sowie weitere Dokumente, die die Entstehung und Verwendung der Videos kontextualisieren, bilden das Rohmaterial für eine Reihe von Arbeiten, die Dasović in Zusammenarbeit mit anderen Künstler:innen und Theoretiker:innen im Laufe der kommenden Jahre entwickeln möchte.

In der Ausstellung sind die ersten zwei Episoden dieses Projekts zu sehen sowie eine Textarbeit, die in drei Sprachen (Bosnisch, Englisch und Deutsch) Auszüge aus dem „UN-Handbuch“, dem „Verhaltenscodex“ für niederländische Soldaten in Bosnien-Herzegowina, wiedergibt.

In Episode 01: Raw Material montiert Dasović in einer Zweikanal-Videoinstallation ausschließlich „Rohmaterial“ der VHS-Bändern zu einer Reflexion über identitären Rollenbildern, die die „Anderen“ vorbehaltlos mitkonstituieren. Diese „Pädagogik“ des Umgangs mit den „Fremden“ soll von jungen Soldaten verinnerlicht und umgesetzt werden. Episode 02: Surfaces ist ein analytisches Videoessay, das das Rohmaterial aus der Episode 01 den Spuren niederländischer Blauhelme in der „UN-Sicherheitszone Srebrenica“ 25 Jahre später gegenüberstellt. Dasović fragt: Wie haben die Hände niederländischer Soldaten die Oberflächen der Gebäude, in denen sie stationiert waren, berührt? Was sagen die Spuren, die sie dort hinterlassen haben, über die niederländische Armee aus? Wie wird die Kultur der Militärdoktrin dieser Armee von den Menschen in den Übungsvideos konzeptualisiert, und wie wird sie später auf dem UN-Gelände in Srebrenica ihre beharrlichen Spuren hinterlassen? Die Arbeit legt die Hypothese nahe, dass der institutionelle Rassismus der Königlichen Niederländischen Armee zumindest zum Teil einer Spätwirkung der kolonialen Vergangenheit des Landes geschuldet ist.

Das Recherche-Tagebuch von Airi Triisberg schließt den Ausstellungsrundgang ab. Darin bringt sie visuelle Materialien zusammen, die linken bzw. künstlerischen Aktivismus in Weißrussland, Russland und Kasachstan dokumentieren, in postsowjetischen bzw. postsozialistischen Ländern, die ihre diesbezügliche Vergangenheit mit dem Lebenskontext der Theoretikerin – Talinn / Estland – teilen. Die Recherche entstand im Zuge einer längerfristigen Auseinandersetzung mit aktivistischen Biografien in Osteuropa. Im Stil eines Do-It-Yourself-Heftes hat Triisberg über einen Zeitraum von neun Monaten, zwischen Januar und September 2020, das Tagebuch mit eingeklebten Fotokopien gestaltet, Handnotizen hinzugefügt, Textausdrücke eingebracht und kommentiert. Das Tagebuch eröffnet wenig bekannte Perspektiven auf die Bestrebungen linker Aktivist:innen in Regionen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion unter die Herrschaft rechter, autoritärer Regimes geraten sind, wo jedoch linksgerichtete Bewegungen, trotz alldem, aufgrund der sowjetisch-kommunistischen Vergangenheit für die breite Bevölkerung von vornherein verpönt sind. Zugleich dokumentiert es auch zeitgeschichtliche Ereignisse, die just während der Entstehung des Tagebuchs passierten, wie den Aufstand der Bevölkerung nach den Wahlen in Weißrussland.

Einen Schwerpunkt des Tagebuchs bilden visuelle Zeugnisse der Aktivitäten feministischer und queerer Gruppierungen in diesen Ländern, die in den vergangenen zehn Jahren, aber vor allem seit 2015, an Zulauf gewonnen haben und dadurch eine neue Form linker, außerparlamentarischer Politik verbreiten, die, insofern sie nicht von den herrschenden Regimes radikal unterdrückt werden, Wachstumspotenzial aufweisen.

Eine fast durchgehende Charakteristik vereint die meisten in dem Tagebuch gesammelten Aktivismus-Bilder: Sie zeigen für gewöhnlich keine Gruppen oder Kollektive, sondern einzelne Akteur:innen, die in der einen oder anderen Form von Gruppen isoliert Protestinsignien gegen soziale Ungerechtigkeit hochtragen oder sich in politischen Protestformen engagieren. Dies muss nicht zwangsläufig entmutigen. Denn dieses Bild kennt man bereits aus einem anderen, westlichen Kontext. Es war eine junge Schülerin, Greta Thunberg, die zunächst auch so begonnen hat – als einzelne Streikende fürs Klima. So zeigt sich, das es nur durch den persönlichen Einsatz, das Verlassen der eigenen Komfortzone möglich ist, emanzipatorische gesellschaftliche Prozesse in Gang zu bringen und so zur Verbesserung der Lebensbedingungen aller beizutragen.

Andrei Siclodi
Kurator

Die Veranstaltungen, die im Rahmen der Ausstellung geplant sind und ursprünglich im November 2020 stattgefunden hätten, aufgrund des Lockdowns verschoben werden mussten, werden als Online-Veranstaltungen im Jänner und Feber 2021 nachgeholt.

Veranstaltungsort
Kunstpavillon

Rennweg 8a
A-6020 Innsbruck
+43 512 58 11 33
pavillon@kuenstlerschaft.at

Mi-Fr 12.00 – 18.00
Sa 11.00 – 15.00