Kunst und die kapitalistische Ökonomie des Begehrens • in memoriam Jan SIEBER (1982 – 2018)

Helmut DRAXLER, Jenny NACHTIGALL, Kerstin STAKEMEIER, Samo TOMŠIČ

Kunst und die kapitalistische Ökonomie des Begehrens war Titel und Thema des theoretischen Vorhabens von Jan Sieber im Rahmen seines Fellowships im Künstlerhaus Büchsenhausen. Tragischerweise verstarb Jan Sieber am 22. Mai, drei Tage vor seinem 36 Geburtstag, in Folge einer kurzen, schweren Krebserkrankung.

In seinem Arbeitsvorhaben für Büchsenhausen interessierte sich Jan Sieber dafür, wie die libidinöse Ökonomie des Begehrens im Kapitalismus sowie Fragen der Subjektivität und Identität in der zeitgenössischen Kunst wiederkehren, reflektiert und kritisiert werden.

„Die kapitalistische Gesellschaft verdrängt und unterdrückt nicht einfach menschliches Begehren, so dass dessen Befreiung per se subversiven Charakter hätte. Sie macht sich menschliches Begehren aber auch nicht bloß als eine Art natürliche Ressource in entfremdeter Form dienstbar. Vielmehr bringt Kapitalismus es überhaupt erst als ein bestimmtes Begehren hervor, und zwar als ein Begehren, das den kapitalistischen Verwertungszusammenhang befördert, aber zugleich auch als ein solches, dessen Negativität verdrängt und entstellt werden muss. Dieser strukturelle Antagonismus rückt die psychoanalytische Theorie unbewussten Begehrens (Freud und Lacan) und Marxens Analyse der Ware Arbeitskraft zusammen. Offensichtlich wird das zum Beispiel an der zunehmenden Kommodifizierung von Identitäten (Gender, Sex, Herkunft, Klasse, politische Ausrichtung, Religion, Geschmack und mehr). […]

In Kunst geht Begehren, wie Adorno argumentiert, als ein Moment ein, wodurch es sich als Arbeit, als Produktivkraft im Marx’schen Sinne objektiviert. Kunst handelt demnach immer auch davon, was es heißt, ein begehrendes Subjekt unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise zu sein. Sie als Schauplatz der antagonistischen Struktur des Begehrens zu begreifen, darf aber nicht bedeuten, Kunstwerke auf subjektive Zeichensysteme des sie produzierenden Individuums zu reduzieren, sie als Ventile für dessen psychisches Leiden und Mittel seiner/ ihrer Anpassung an die gesellschaftliche Realität zu verklären. Ebenso falsch ist die vitalistische Phantasie der Befreiung einer quasi-natürlichen Kraft des Begehrens durch Kunst. Ihre Objektivität liegt vielmehr im Ausdruck der im Begehren bzw. in Arbeitskraft verdichteten Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise. Kritisches Potential hat sie dort, wo sie der Negativität des Begehrens Raum verschafft und die entstellten Phantasien eines vom Kapital unberührten, erfüllten Begehrens durchkreuzt. Maßstab solcher in der Kunst formulierter Kritik wäre nicht die Entwicklung eines bestimmten Bewusstseins von etwas, sondern Ausdruck der Negativität des Subjekts und die Entlarvung affirmativer Positivierungen von Subjektivität als von den Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise befreite Zone.“

Ausgehend von solchen Beobachtungen und mit Bezug auf die Psychoanalyse und die Kritische Theorie wollte Jan Sieber sich damit beschäftigen, wie zeitgenössische künstlerische Praktiken die Problematiken von Subjektivität, Begehren und Identität thematisieren, und Formen der Subjektivierung nahelegen, die dem Begehren nicht einfach entsagen, sondern queere oder andere nicht-identitäre Formen seiner Rettung vorschlagen. Wie kann Kunst Subjektivierung inszenieren oder befördern, ohne die Produktion kapitalistischer Subjektivität einfach zu wiederholen oder ihr zuzuarbeiten? Wie kann sie als Kritik der kapitalistischen Ökonomie des Begehrens verstanden werden?

Die Veranstaltung im Rahmen der ersten Büchsenhausen Focus Weeks 2019 greift die in seinem Arbeitsvorhaben formulierten Ideen und Fragen auf und entwickelt sie weiter. Die Teilnehmer_innen an der Podiumsdiskussion sind Theoretiker_innen, die Jan Sieber selbst zu einem Symposium im Frühsommer 2018 einladen wollte. Nach Impulsstatements der Beteiligten von jeweils 15 min. wird eine Diskussion stattfinden. Das Publikum ist eingeladen, aktiv daran teilzunehmen.

Impulsstatements:

Helmut DRAXLER: Sex and the Symbolic. Possibilities and Limitations of an Aesthetics of the Real
Jenny NACHTIGALL: Notes on the Aesthetics of a Fractured Vitalism
Kerstin STAKEMEIER: Love Without Work: On Decapitailisations of Desires
Samo TOMŠIČ: The Capitalist Enjoyment and the End of the World

Jan SIEBER (1982 – 2018) studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Kunstwissenschaften an der Universität Bremen, der Leuphana Universität Lüneburg und an der Middlesex University London. Zwischen 2011 und 2017 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin tätig, wo er seine Doktorarbeit im Bereich der ästhetischen Theorie verfasste. Seine Forschungsschwerpunkte beinhalten Ästhetik, Psychoanalyse, Kritische Theorie, Kulturtheorie und französische Gegenwartsphilosophie.
Jan Sieber ist nach kurzer, schwerer Krankheit am 22. Mai 2018 verstorben.

Helmut DRAXLER ist Kunsthistoriker und Kulturtheoretiker. Er ist Leiter der Abteilung Kunsttheorie des Instituts für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Er publiziert regelmäßig zu Theorie und Praxis der Gegenwartskunst. Derzeitige Forschungsschwerpunkte sind eine Philosophie der flämischen Malerei und eine Kulturtheorie der Spaltung.

Jenny NACHTIGALL lehrt am Institut für Philosophie und Ästhetische Theorie der Akademie der Künste München. 2016 schloss sie ihr Studium mit der Dissertation Beyond Modernism. Form as Contradiction in Berlin Dada am University College London ab. Sie arbeitet derzeit zu den Nachleben des Vitalismus in moderner und zeitgenössischer Kunst und Theorie. Zuletzt erschienen: Realism after Fetishism (2018 hrsg. v. Veronika Thanner, Joseph Vogl, Dorothea Walzer). Sie schreibt u. a. für Texte zur Kunst und Artforum.

Kerstin STAKEMEIER ist Professorin für Kunsttheorie und -vermittlung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. Sie studierte Politikwissenschaften und Kunstgeschichte, und die veränderlichen Konflikte zwischen diesen beiden stehen im Zentrum ihrer Arbeit. Kerstin Stakemeier schreibt u.a. für Texte zur Kunst, Springerin und Artforum und ist Herausgeberin sowie Autorin mehrerer Bücher, zuletzt Entgrenzter Formalismus: Verfahren einer antimodernen Ästhetik (b_books 2017).

Samo TOMŠIČ promovierte in Philosophie an der Universität Ljubljana, Slovenien, und ist derzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter im interdisziplinären Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung an der Humboldt Universität zu Berlin. Zu seinen Publikationen zählen: The Capitalist Unconscious: Marx and Lacan (versobooks, 2015) und The Labour of Enjoyment: Toward a Critique of Libidinal Economy (in Vorbereitung, August Verlag 2019).

Veranstaltungsort
Künstlerhaus Büchsenhausen

Weiherburggasse 13
A-6020 Innsbruck
+43 512 278627
office@buchsenhausen.at