Mykola Ridnyi

Mykola Ridnyi "NO! NO! NO!". Film still. 2017

Fear has 100 Eyes

Das Projekt Fear has 100 Eyes beschäftigt sich mit der Frage der Entmenschlichung durch die Darstellung von Gewalt und ihrer Auswirkung auf die Gesellschaft. Es wird als eine Kombination aus Essayfilm, Fotografie und Collagenreihe sowie einem Buch in Zusammenarbeit mit Forscher:innen aus den Bereichen Filmgeschichte, visuelle Kultur und Gesellschaft fertiggestellt.

Die 2010er-Jahre sind mit unzähligen Formen von materiellen und symbolischen Beweisen gefüllt, über hybride Kriege, „Post-Wahrheits“-Politiken und dem globalen Aufstieg des Rechtspopulismus. Live-Streams vom Krieg in der Ukraine und später in Syrien, Beiträge voller Intoleranz, Blogs und Berichte über Angriffe auf Migrant:innen in Europa und unzählige andere Fälle gewaltsamer Konfrontationen sowohl innerhalb als auch außerhalb von Konfliktzonen zirkulierten weltweit in den sozialen Netzwerken. Der unmittelbare Zugang zu visuellen Informationen aus erster Hand schuf einen fruchtbaren Boden für die Platzierung und die anschließende Vervielfältigung manipulativer Strategien für etwaige politische Interessen. Die Nachfrage des Publikums nach schockierenden Inhalten steigt stetig an, da sie Popularität garantieren. Dies wiederum unterstützt eine überaus propagandistische Version der Realität, in der Gewalt eine zentrale Rolle bei der Gesamtgestaltung und der Übermittlung einer Botschaft spielt, die von Schock als affektivem Hintergrund angetrieben wird.

In einer Reihe von Arbeiten, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind, darunter die Fotoserie Blind Spot und der Film Regular Places, hat Mykola Ridnyi das Problem der Zunahme von Gewaltinhalten in den Medien und der physischen Präsenz von Gewalt im Alltag der Ukraine behandelt. Während dieser Zeit sammelte er ein Videoarchiv von Amateur_innenclips, die online veröffentlicht wurden, und dokumentierte verschiedene gewalttätige Ereignisse sowohl in den Territorien der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk als auch in den vom ukrainischen Staat kontrollierten Gebieten. Ein Teil davon ist in seinen Filmen NO! NO! NO! und Armed and Dangerous zu sehen.

Fear has 100 Eyes ist eine Fortsetzung und der Abschluss dieser langfristigen Forschung. Ziel der Arbeitist, Verbindungen und Unterschiede zwischen den Quellen und Einflüssen gewalttätiger Inhalten in verschiedenen Segmenten der visuellen Kultur zu analysieren: die Tradition des Spannungsbogens in der Geschichte des populären Kinos und anderer dokumentarischen Formate, die mit Online-Amateurvideos in Verbindung gebracht werden. Wie kann man mit der Darstellung von Gewalt umgehen, ohne sie zu reproduzieren? Wie kann Angst als Teil der Unterhaltung und der Anziehung mit einem Konzept der Angst in der politischen Manipulation verbunden werden, und welche Auswirkungen hat sie auf das reale Leben? Wie kann diese Angst bekämpft werden, und welche alternativer Vision und Darstellung kann dabei berücksichtigt werden?

(Textvorlage: Mykola Ridnyi)

Mykola RIDNYI ist Künstler, Filmemacher und Schriftsteller und lebt in Kiew, Ukraine. Seine Arbeit ist medienübergreifend und reicht von frühen politischen Aktionen im öffentlichen Raum bis hin zur Verschmelzung von ortsspezifischen Installationen, Fotografie und Bewegtbildern. In seinen jüngsten Filmen experimentiert er mit nichtlinearen Montage- und Collagetechniken an der Schnittstelle zwischen Dokumentation und Fiktion. Die Verbindung mit alternativen Zeiten und Phänomenen, der Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart und Zukunft sowie die drängende Polemik der Manipulation des historischen Gedächtnisses, die sich aus zeitgenössischen politischen Agenden ableiten lässt, gehören zu den Hauptthemen, die sich in seinen Engagements, Initiativen und Projekten zeigen.
Ridnyi war Gründungsmitglied der Gruppe SOSka – ein Kunstkollektiv, das seinen Ursprung in Charkiw, Ukraine, hat. Er ist mitwirkender Herausgeber von Prostory, einem Online-Magazin über Kunst und Gesellschaft. Seine Werke wurden u.a. auf der Biennale für zeitgenössische Kunst in Venedig, der Biennale Schule von Kiew – Kiew, der Pinakothek der Moderne in München, der daad galerie in Berlin, der Transmediale in Berlin, dem Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, der Galerie für Zeitgenossische Kunst in Leipzig, dem Museum für Moderne Kunst in Warschau und der Bonniers konsthall in Stockholm ausgestellt. Er war u.a. Stipendiat der Akademie der Künste in Berlin, Iaspis in Stockholm und Gaude Polonia in Krakau.
http://www.mykolaridnyi.com/